| Blood Empire Hörspiel von A. L. Kennedy, inspiriert durch Bram Stokers »Dracula« aus dem Englischen von Ingo Herzke Musik: Andreas Otto Regie: Beate Andres SWR 2010 73 Min. ![]() Dracula: Wilfried Hochholdinger ![]() Regisseurin Beate Andres und Werner Wölbern (Captain Billington) Bilder: SWR/Monika Maier sowie Stefan Kaminski, Claudia Jahn, Andreas Szerda, Konstantin Frolov, Vladislav Grakovskiy, Viorel Iliescu, Igor Kalinitschenko, Georg Georg, Thomas Höhne, Dogukan Mezda Warna 1892. Die »Demeter« liegt im bulgarischen Schwarzmeerhafen, bereit für den langen Seeweg nachGroßbritannien. Captain Billington wartet nur noch auf die Fracht, fünfzig Kisten mit Sand – zu wissenschaftlichen Zwecken, wie auf dem Lieferschein steht. Ein riesiger Mann, der plötzlich auftaucht und ebenso plötzlich verschwindet, übergibt die Ladung. Er spricht Billingtons Sprache und scheint es ebenso gewohnt zu sein zu befehlen, wie der Kapitän. Doch auf der »Demeter« regiert Captain Billington und er lässt keine Fremden an Deck. Als er wenig später den großen Mann bei seiner Crew aufspürt, allesamt vertieft in ein blutiges Segnungsritual, wirft er ihn von Bord. Captain Billington hasst Aberglaube, er glaubt an die Wissenschaft und an seinen Verstand. Und er glaubt an das British Empire und die Werte und Methoden, die es groß gemacht haben. Seine bulgarisch-rumänische Crew wird er während der Reise zu Gentlemen erziehen, das ist sicher. Täglich wird er in das Tagebuch schreiben, das er seiner Frau versprochen hat. Genauso wie er Elisabeth versprochen hat, dies werde seine letzte Seereise sein, damit er sie in Zukunft nie mehr allein lassen müsse – so wie damals, als ihr gemeinsamer Sohn starb. Doch als die Demeter ihre Fahrt aufnimmt und Billington seiner Heimat täglich näher kommt, beginnt eine Reise in die Verunsicherung. An Bord stimmt etwas nicht und auch in Billingtons Kopf macht sich etwas (oder jemand) breit, das (oder den) er nicht benennen kann – und dessen Einfluss wächst. Alison Louise Kennedy geboren 1965 in Dundee/Schottland, lebt als Autorin, Filmemacherin und Dramatikerin in Glasgow. Sie ist eine der interessantesten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Großbritanniens. In den Medien meldet sie sich immer wieder zu politischen Themen zu Wort, unterrichtet an verschiedenen Universitäten Creative Writing und tritt als scharfzüngige Kabarettistin auf. Sie veröffentlichte vielfach ausgezeichnete Romane und Kurzgeschichten. Bemerkungen: A. L. Kennedy (Paradies) hat erstmals ein Hörspiel für das deutsche Radio geschrieben. Sie nimmt eine Episode aus Bram Stokers Roman "Dracula", die dort kaum beleuchtet werden konnte, und erzählt diese jetzt ein wenig ausführlicher. Beginn und Ende düfrte bekannt sein, da sie in der Vorlage auftauchen, was dazwischen geschieht erzählt nun A. L. Kennedy. Weniger der Verlauf der Geschichte, als die Erzählweise selbst ist interessant. Die Autorin nutzt auch die Methode der chronologischen Erzählung aus Sicht des Protagonisten, der hier durch den Kapitän der Demeter verkörpert wird. Er muss Dracula nach England transportieren und miterleben, wie dieser nach und nach die Macht über Mannschaft, Schiff und letztlich auch ihn übernimmt. Die Geschichte ist interessant, wenngleich sie natürlich darunter leidet, dass sie nichts Überraschendes enthalten kann. Unter diesem Aspekt ist sie sogar etwas breit geraten, wenngleich die lange Spielzeit andererseits auch für die Entwicklung Sinn macht. Die Umsetzung ist gelungen, man schafft es eine dramatische Kulisse zu schaffen, die sowohl die maritime, als auch die mysteriöse Komponenten gut bedient. Eine interessante Mischung, die akustisch sehr anschaulich umsetzt, was die Autorin vorhat. Allerdings hat man einige Sequenzen - beispielsweise das Hinausrudern des Schiffes - quasi in Echtzeit dargestellt. Das hätte man sich gerne sparen dürfen, denn das bringt letztlich dem Hörer nur sehr wenig. Das Gros des Hörspiels ruht auf den Schultern Werner Wölberns, der eine exzellente Leistung als Captain Billington in allen emotionalen Höhen und Tiefen der Geschichte. Daneben überzeugen vor allem Wilfried Hochdoldinger als Dracula und Stefan Kaminski. Alle anderen Rollen haben nur geringen Anteil am Geschehen, die Größe des Ensembles täuscht hier ein wenig - in anderen Produktionen wäre hier viel doppelt und dreifach besetzt worden. Dafür, dass Schauergeschichte im Radio doch eher Mangelware sind, ist diese Produktion doch recht ordentlich. Man nimmt eine bekannte Geschichte und erzählt daraus eine unbekannte Facette. Das ist deutlich besser als die x-te Standard-Dracula-Geschichte. Allerdings hätte man gerne etwas straffer erzählen dürfen. Meine Wertung: + + + |
||
![]() |
||