Nobodaddys Kinder

von Arno Schmidt

Bearbeitung und Regie: Klaus Buhlert
Musik: Kojo Samuels
BR 1997-1998



Teil 1: Aus dem Leben eines Fauns (87 Min.)

Mit Ulrich Wildgruber

Der Titel der Trilogie 'Nobodaddy's Kinder' bezieht sich auf ein Gedicht von William Blake. Nobodaddy ist eine Formel für Gott. Schmidts Trilogie setzt sich aus den Prosatexten 'Aus dem Leben eines Fauns', 'Brand's Haide' und 'Schwarze Spiegel' zusammen. Der Kurzroman 'Aus dem Leben eines Fauns' entstand 1952/53. Der Protagonist Düring, ein kleiner Beamter in der Lüneburger Heide während der NS-Zeit, lebt in der inneren Emigration. Er verachtet die "Germanenköpfe", die lauthals alles nachbrüllen, was der Führer ihnen vormacht, aber er schweigt. Seine Haltung beschreibt er so: "Nur schade, daß ich, ein Sehender, das Blinde-Kuh-Spiel werde mitmachen müssen". Der Kurzroman spielt in dem Zeitraum von Februar 1939 bis September 1944. Düring führt ein Doppelleben: Ehe, Beruf, Familie und Politik werden nur pro forma wahrgenommen. Dürings eigentliches Leben spielt sich zum einen in der Phantasie und in der Lektüre ab, zum anderen in der Beobachtung der Natur oder aber in einer Hütte im Schilfwald, die ein Deserteur aus der Napoleonischen Armee 1813 errichtet hat. Düring stieß auf die Spuren des Deserteurs beim Zusammentragen von Material für ein Kreisarchiv. Der Wind, der Mond, die Heidelandschaft, die Romantiker bilden eine Gegenwelt, die vom Nationalsozialismus nicht erfaßt werden kann. Der Elfenbeinturm aus Literatur und Natur dient nicht der Abwehr der Außenwelt, sondern der Verteidigung der Innenwelt. Dürings Versuch, die Existenz des desertierten Fauns nachzuleben, scheitert. Er muß seine Hütte verbrennen, um nicht entdeckt zu werden.


Teil 2: Brand's Haide (72 Min.)

Mit Ulrich Wildgruber, Juliane Köhler, Jacqueline Macaulay

'Brand's Haide' ist der zweite Teil der Trilogie 'Nobodaddy's Kinder'. In dem 1951 entstandenen Prosatext 'Brand's Haide' kehrt der Soldat Schmidt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. In Blakenhof, in der Lüneburger Heide, versucht er, sein Leben neu einzurichten. Der Text umfaßt die Zeitspanne von März bis November 1946. Der Heimkehrer besitzt nur die Kleidung, die er am Leibe trägt, und einige Bücher; liebevoll gedenkt er daher der Gaben der Engländer: einer Rasierklinge und einem Stück Seife. Schmidt konzentriert sich auf ein großes Projekt, eine Biographie des romantischen Schriftstellers Fouqué, dessen Werk er schändlich vernachlässigt sieht. 'Brand's Haide' ist der Name eines düsteren Waldreviers im Hohen Fläming, das der Knabe Fouqué oft durchqueren mußte. Schmidt überträgt den Namen 'Brand's Haide' auf die Wälder um Blakenhof. Schmidt wird in eine Baracke eingewiesen, in der die Mädchen Lore und Grete hausen. Er verliebt sich in Lore, die seine Liebe erwidert. Doch dann verläßt ihn das Mädchen, um einen ungeliebten, aber wohlhabenden Mann in Mexiko zu heiraten. Ähnlich wie im dritten Teil der Trilogie - 'Schwarze Spiegel' - bleibt der Protagonist in ebenso selbst verschuldeter wie gewählter Einsamkeit zurück: "Als junger Mensch: 16 war ich, bin ich aus Eurem Verein ausgetreten. Was Euch langweilt ist: Schopenhauer, Wieland, das Campanerthal, Orpheus: ist mir selbstverständliches Glück; was Euch rasend interessiert: Swing, Film, Hemingway, Politik: stinkt mich an."


Teil 3: Schwarze Spiegel (87 Min.)

Mit Ulrich Wildgruber, Corinna Harfouch

Der utopische Prosatext 'Schwarze Spiegel' wurde erstmals 1951 publiziert. Arno Schmidt legte den als Niederschrift eines namenlosen Ich-Erzählers konzipierten Text in die nahe Zukunft, genau in den Zeitraum vom 1. Mai 1960 bis Ende August 1961. Schauplatz sind provinzielle Randbezirke in der Lüneburger Heide. "Atombomben und Bakterien hatten ganze Arbeit geleistet." Der Erzähler hält sich für den einzigen Überlebenden, ist "der letzte Mensch" und bewegt sich fünf Jahre nach einem atomaren Krieg mit dem Fahrrad über zerbröckelte Straßen. Das Experiment Mensch analysiert er als gescheitert: "Jahrtausendelang hatten sie sich gemüht: aber ohne Vernunft!" Der letzte Mensch ist ein Nomade, angewiesen auf das, was er findet. Die Zukunft stellt er sich als Jäger und Sammler vor. Doch die Jahre des Vagabundierens gehen zu Ende: "ich werde hier ein Haus bauen". Eine Fahrt nach Hamburg dient vor allem der Beschaffung von Büchern aus der Universitätsbibliothek. Mit der Brechstange in der Hand und mit zwei umgehängten Waffen fühlt sich der letzte Mensch als Herr der Welt. Doch er lebt in der ständigen Befürchtung, anderen Menschen zu begegnen. Arno Schmidt erschienen insbesondere die frühen fünfziger Jahre wie eine Zwischenkriegszeit, ein kurzes Atemholen vor dem dritten Weltkrieg.



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