Chatroom
von Enda Walsh


Übersetzung aus dem Englischen: Yascha Mounk
Komposition: Tim Frühwirth und Simon Schmid
Songtexte und Gesang: Philipp Schmid
Regie: Alexander Schumacher und Nils Daniel Finckh
NDR 2005
55 Minuten



Mit Nora Tschirner, Kostja Ullmann, Parbet Chugh, Andreas Tobies, Henrike Jörissen, Laura Lo Zito


Sie treffen sich im Chatroom: die 15-jährigen, ganz normale Mittelschichtskinder, die zur Schule und auch mal auf eine Antikriegs-Demo gehen, aber das meiste 'frustrierend' finden. Sie möchten etwas Wichtiges machen, ein Zeichen setzen. Als Jim mit seiner "echten" Depression dazu kommt, will William "ein bisschen an ihm rumklempnern". Einfach mal schauen, wie weit man ihn bringt. Vielleicht sogar bis zum öffentlichen Selbstmord. Das "Anliegen" spaltet die Gruppe, auf einmal geht es in ihrer abgeschlossenen Welt um moralische Fragen, um Macht und Verführbarkeit. Jim und Laura verlassen den Chatroom, treffen sich und versuchen, ihrem Leben gemeinsam einen Sinn zu geben. Das Projekt wurde mit einer Gruppe von Jugendlichen von "my way production" (Tom Stromberg) realisiert.

Enda Walsh, 1967 in Dublin geboren, begann seine Karriere als Schauspieler in Dublin, war drei Jahre künstlerischer Direktor des Corcadorca-Theaters, für das er auch die ersten Stücke schrieb. Er profilierte sich auch als Drehbuch- und Hörspielautor. International bekannt wurde er durch sein 1996 uraufgeführtes Stück „Disco Pigs“.
 

Bemerkungen: Mit Chatroom greift Enda Walsh ein das Thema der Manipulation und Einflussmahme auf Andere auf. Dabei bieten die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten des Internets ein ideales Werkzeug. Doch auch hier gilt: Nicht das Werkzeug, sondern der Mensch der es bedient, agiert.

So steht auch nicht der Titelgebende Chatraum, sondern die Menschen, die sich darin bewegen, im Mittelpunkt. Allen voran Jim, der mit einer unglaublichen Geschichte, die Mitglieder des Chatrooms - aber auch den Hörer - aus den etwas trivial vor sich hinwabernden Dialogen entreisst und diees Hörspiel erst richtig interessant macht.

Die sich nun anschließenden Diskussionen sind erschreckend glaubhaft und nachvollziehbar.

Die Art der Produktion ist eine konsequente akustische Umsetzung eines Chatrooms. Es bedingt natürlich, dass es hier keine echten Dialoge gibt, sondern diese aus der Wiedergabe der einzelnen Chattexte bestehen. Das macht die Geschichte etwas authentischer, wenngleich das Format natürlich schon deutlich auf den Erzählfluss abgestimmt ist und das Chatprotokoll mehr formale Funktion hat, denn tatsächlich so glaubhaft wirkt.

Diese formale Annäherung sorgt dafür, dass die Sprecherleistung hier nur schwer zu bewerten ist, da es hier eine Mischung aus Rollenspiel und bloßer Textwiedergabe ist. Die Emotionen sind zwar hörbar, tauchen allerdings nicht überall auf.


Ein empfehlenswertes Hörspiel, das inhaltlich vollkommen überzeugt. Die formale Darstellung ist zwar schlüssig, hat allerdings einen etwas spröden Anstrich.
   
 
Meine Wertung: + + +
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