Das Schweigen
     
Von Nathalie Sarraute

Regie: Heinz von Cramer
Produktion: SWF/NDR 1966
44 Min.


Mit: Lina Carstens, Edith Heerdegen, Thessy Kuhls, Ute Maschke, Hans-Christian Blech, Herbert Bötticher, Oswald Döpke


Ihr Schweigen ... wie ein Schwindel ... von dem ich erfasst wurde ... ein Dämon ... wie die Versuchung, während der Messe zu fluchen ... Ihr Schweigen hat mich mit aller Kraft dazu getrieben ...

Reden ist Silber: Die Konversation scheint ihren gewohnten Gang zu nehmen – man plaudert, prahlt ein bisschen, will durch rhetorisch geschickt ausgefeilte Geschichten unterhalten. Schließlich ist man intellektuell. Doch Schweigen ist Gold: Die beharrliche Stille um Jean-Pierre irritiert das gesellschaftliche Spiel und provoziert die anderen dazu, mehr zu sagen, als sie eigentlich bereit waren preiszugeben. Jenseits von dem, was man gemeinhin Psychologie nennt, wird eine innere Wirklichkeit durchsichtig gemacht. Doch die menschlichen Innenwelten werden nicht analysiert und beschrieben, sie verraten sich selbst in ihrer konkreten Lebendigkeit: dem Sprechen. Dem Ein-wenig-zu-viel-Sprechen. Und am Schluss überrascht die plappernden Anwesenden eine einzige, sehr konkrete Frage des Schweigers. Im Dialog, der ein realistischer zu sein scheint, muss man das zeigen, was es in Wirklichkeit unterhalb des Dialoges gibt.
N. Sarraute


Bemerkungen:

Nathalie Sarraute schildert hier, losgelöst von gängigen Erzählstrukturen, ein Stück, bei dem das Schweigen der Motor dafür ist, dass aus einem oberflächlichen Geplänkel, ein entlarvendes, tiefgründiges Gespräch entsteht. Sie nutzt dafür die Spielzeit recht gut, da hier kaum Überflüssiges oder Beifälliges Erwähnung findet. Hier wirkt nahezu jeder Satz zielgerichtet.
Das geht etwas zu Lasten der Glaubwürdigkeit, denn die extreme Dichte wirkt schon ein wenig befremdlich. Aber das Ziel einer real wirkenden Geschichte hat Sarraute hier ohnehin nicht.

Entsprechend agieren auch die Sprecher. Hier geht es zunächst darum, die Funktion der Figur zu besetzen, weniger diese in verschiedenen Facetten darzustellen. Das gelingt dem Ensemble insgesam sehr gut - gerade das Kippen des Gesprächs vom oberflächlichen  leichten, ins hintergründige Gereizte wird hier sehr gut von den Sprechern getragen.

"Das Schweigen" ist ein Radioklassiker - ein frühes modernes Hörspiel. Auch wenn Freunde traditioneller Erzählweisen im Hörspiel, hier vermutlich nicht ganz auf ihre Kosten kommen, antesten sollte man "Das Schweigen" aber durchaus.

Meine Wertung: + + +


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