Der Mann, der den Zügen nachsah
von Georges Simenon

Aus dem Französischen von Walter Schürenberg
Hörspielfassung und Regie: Walter Adler
SWR 1998
55 Min.




Kees Popinga: Christian Berkel
Mutti: Susanne Barth
De Coster: Hans Peter Hallwachs
Jeanne Rozier: Bettina Engelhardt
Pamela: Ellen Schulz
Rose Goin: Brigitte Janner
Charles Goin: Thomas Hodina
Taschendieb: Peter Fricke

in weiteren Rollen: Klaus Barner, Jele Brückner, Friedrich von Bülow, Yvonne Devrient, Rainer Hagedorn, Hein
Meier, Wolfgang Rüter u. a.

Kees Popinga ist ein guter Ehemann und Familienvater, ein strebsamer Prokurist - ein ganz normaler Bürger also. Aber dann verliert er durch den betrügerischen Bankrott seines Chefs sein gesamtes Privatkapital. Für Popinga bricht eine Welt zusammen, eine langweilige Welt allerdings, und die verlässt er nun per Zug. «Will denn keiner verstehen, dass ich vorher nicht normal gewesen bin», schreibt er später in einem Leserbrief. Zu diesem Zeitpunkt ist er als gejagter Verbrecher Gegenstand der Titelseiten. In seinem Roman «Der Mann, der den Zügen nachsah» hat Georges Simenon das Psychogramm der Kleinbürgerlichkeit skizziert und hinter der Oberflächengestaltung der Biederkeit und Zuverlässigkeit Abgründe der Gewalttätigkeit entdeckt. Die grosse Skepsis gegenüber der sogenannten Normalität zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk des grossen belgischen Kriminalautors, den Gabriel García Márquez als den «wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts» bezeichnet hat.


Georges Simenon, 1903 in Lüttich (Belgien) geboren, scheiterte nach einem vorzeitigen Schulabbruch in zwei Lehren, als Buchhändler und als Bäcker, und wurde anschliessend Lokalreporter bei einem Blatt in seiner Geburtsstadt. 1922 ging er nach Paris und schrieb unter diversen Pseudonymen für einen Verlag. 1929 begann er unter seinem Namen zu publizieren. Sein Werk umfasst über zweihundert Romane, die in fünfundfünfzig Sprachen übersetzt wurden. Simenon starb 1989 in Lausanne.


Bemerkungen:

Ein Simenon ohne Maigret, dafür aber trotzdem mit einer sehr interessanten Geschichte. Vordergründig ist sie zwar dem Krimigenre zuzuordnen, hier steht aber mehr die Frage nach der Schuld eines Täters im Mittelpunkt. Die Unterschiede zwischen der Sicht der Dinge auf die Wahrheit aus dem Blickwinkel des Täters einerseits und der Außenwelt andererseits, sind die zentralen Punkte dieses Hörspiels. Simenon setzt hier weniger auf Spannung, sondern nutzt nur dramatische Eckpunkte und Verstrickungen, um dem Stück einen zusätzlichen Unterhaltungswert zu geben.

Die Umsetzung ist zunächst ein wenig spröde. Sie orientiert sich aber stark am Inhalt und setzt insofern auch deutlich mehr Akzente auf die interessante psychologische Komponente. Walter Adler schafft so eine gute Verbindung zur Geschichte selbst. Allerdings dürfte das diejenigen, die einen Standardradiokrimi erwarten, zunächst ein wenig befremden.

In der Hauptrolle überzeugt Christian Berkel, der den inneren Wechsel der Figur Kees Popinga sehr gut darzustellen weiß. Auch das übrige Ensemble überzeugt, alle Rollen werden von sehr guten Sprechern getragen.

"Der Mann, der den Zügen nachsah" ist ein empfehlenswertes Hörspiel, das sich zunächst ein wenig sperrig wirkt,. bei dem sich aber das "Dranbleiben" lohnt: Man wird mit einer sehr tiefgründigen Geschichte in stimmiger Inszenierung belohnt.

Meine Wertung: + + + +

 
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