Die Fälschung
Hörspiel in fünf Teilen

  Autor: Nicolas Born
  Produktion: BR 2009
  Bearbeitung und Regie: Michael Farin
Musik: Zeitblom
  Länge: 269 Min

Mitwirkende:

Laschen - Florian von Manteuffel
Greta - Juliane Köhler
Hoffmann - Axel Milberg
Rudnik - Jens Harzer
Ariane - Christiane Rossbach

Inhalt:

Georg Laschen wird (mit seinem Fotografen Hoffmann) von einer Hamburger Illustrierten 1976 nach Beirut geschickt, in diese sterbende Stadt. Und geht dort, auch im Wortsinn, über Leichen. Rapider Lebensverlust ist die Folge, eine sich beschleunigende Ich-Auflösung angesichts einer immer unverständlicher werdenden Realität, die sich da vor ihm abspult, rasend und irrsinnig. Dieses Auseinanderklaffen von journalistischer Mission und Realität, von Berichterstattung und Wirklichkeit, von Wörtern und Wahrheit zeichnet Nicolas Born in dem 1979 erschienenen Roman hellsichtig und schonungslos nach. Er schlüsselt auf, wie und warum das Entsetzen des Krieges für Laschen zum "Normalbetrieb“ verkommt und wie dieser sich dadurch abhanden zu kommen droht. Ihm gelingt dabei ein beeindruckendes Porträt der bleiernen Zeit und zugleich ein Psychogramm eines Überlebenden dieser Jahre. Teil I: Der Brief Zur beruflichen und persönlichen Krise Laschens kommt die private hinzu. Aus der vom Bürgerkrieg zerrissenen Stadt schreibt er an die Frau, die ihn verlassen zu haben scheint: "Hier ist es ruhig nach unserer Ankunft, aber ich fühle, daß alles Ruhige und Beruhigte jederzeit - das hat auch mit Dir zu tun - explodieren kann.“ Er versucht, sich über die Lähmung der Gefühle zwischen ihnen klar zu werden, die er eine Fälschung nennt. Doch die Fälschung, auf die der Titel des Romans zielt, ist viel umfassender: "Ich habe keine Angst davor, mein Leben zu fälschen, nur Angst davor, daß ich es eines Tages nicht mehr bemerke und weitermache, Angst, daß es so zum normalen Leben wird, zu einem langen bedeutungslosen Stoffwechsel, angesichts dessen ich nicht mehr erschrecke. Das will ich Dir sagen, lieber sähe ich mein eigenes Blut fließen, ohne darüber noch ein Wort zu verlieren.“

"Sie hatte ihn gestreichelt. Vielleicht hatte sie zuerst gar nicht mit ihm schlafen wollen, war aber aus dem Bad gekommen im Bademantel, den sie über den Stuhl fallen ließ und hatte sich an ihn geschmiegt. So betasteten sie sich zum ersten Mal, obwohl sie sich schon, wie er meinte, lange Zeit kannten. Er fühlte sich stark werden, und es war nicht die dumme männliche Kraft, es war eher Auslieferung. Sie flüsterte. Das Getöse, das aufputschende Gift, war in der Nähe. Sie hätten die Fenster aufmachen und sterben können“

"Es entsetzten Laschen vor allem solche Ereignisse, deretwegen er doch hergekommen war, um darüber zu berichten, solche Ereignisse, denen er, letztlich, seine Bezahlung verdankte. Er konnte gut leiden an unverständlicher Grausamkeit. Er glaubte doch wohl nicht, dass sein Bericht den Leser ermahnen würde. Glaubte er nicht vielmehr, dass er für Geld ein Entsetzen lieferte, für das es eine Nachfrage gab, eine unersättliche.“

"Auf dem Platz der Märtyrer rafften die Händler mit Frauen und Kindern die Habe wie die Ware in Körbe und Tücher, um zu verschwinden. Ein neuer Waffenstillstand war am Vormittag ausgehandelt worden, unter gewissen Vorbehalten der Unterhändler, und sofort, am späten Nachmittag, wieder gebrochen worden von beiden sich gegenseitig beschuldigenden Lagern. Der Platz war nach der dem Stadtteil Bad Edriss zugekehrten Seite hin offen, nur noch von Trümmerhaufen begrenzt, aus denen dünne Rauchfahnen aufstiegen. Die Kinoreklame, ein gemaltes Transparent, das über die ganze Breite eines zerschossenen Gebäudes gespannt war und ein arabisches, märchenhaft kostümiertes Liebespaar zeigte, war von gezielten Schüssen in die Gesichter entstellt.“ (Nicolas Born, Die Fälschung)

Bemerkungen:


"Die Fälschung" ist ein sehr gelungener Roman, der auf interessante Weise die Parallelen zwischen der privaten und beruflichen Welt des Protagonisten aufzeigt. Dies ergänzt er durch eindrucksvolle Schilderungen des Krieges und dessen Auswirkungen auf die Menschen und ihre Moral.

All dies findet sich auch in diesem imposanten, fast viereinhalbstündigen Hörspiel wieder. Michael Farin hat den Roman aufgearbeitet und lässt die Geschichte sehr eindrucksvoll von Florian von Manteuffel erzählen. Allerdings wer hier dem Aufdruck "Hörspiel" ebenso erliegt wie ich, wird von dieser Umsetzung sicherlich überrascht. Der landläufigen Besetzung des Begriffs kommt diese Produktion nicht nahe.
Aber die Einordnung in herkömmliche Muster fällt auch schwer. Es pendelt irgendwo zwischen Lesung, szenischer Lesung und Hörspiel und daher würde ich es als Hörstück eigener Art bezeichnen wollen.

Denn unter dem Aspekt "Hörspiel" muss man dieser Umsetzung eine ziemliche Abfuhr erteilen. Da ist zuwenig "Spiel" im Spiel, um den Begriff zu rechtfertigen. Die Sprecher agieren eher in Versatzstücken, als in gewohnten Dialogszenen und so ist es tatsächlich eher eine Produktion eigener Art.

In dieser Art der Darstellung haben auch die an sich guten Sprecher wenig Gelegenheit zu glänzen. Von Manteuffel liest technisch einwandfrei, ihm gelingt es aber kaum, den Hörer mit dem Text zu fesseln. Gerade zu Beginn wirkt die Darstellung etwas spröde.

Erstklassig hingegen ist die stets sehr passende und der Geschichte helfende musikalische Untermalung durch Zeitblom.

Inhaltlich eine  absolut empfehlenswerte Geschichte, die Darstellung spricht allerdings eher den Freund von Lesungen, als den typischen Hörspielhörer an. Wer sich daran nicht stört, kann hier richtig gut unterhalten werden.
Meine Wertung: + + +
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