Hermann Broch

Die Schlafwandler

Bearbeitung und Regie: Klaus Buhlert
Redaktion und Dramaturgie: Herber Kapfer
BR/hr 2007-9





Hermann Broch, geb. 1.11.1886 in Wien, gest. 30.5.1951 in New Haven (USA). Österreichischer Schriftsteller. Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten. Technische Ausbildung zum Textilingenieur. Bis 1927 leitender Direktor der väterlichen Firma. 1928-31 Studium der Mathematik, Philosophie und Psychologie. 1935 Verlagerung des Wohnsitzes nach Tirol, später in die Steiermark. 1938 Inhaftierung durch die Nazis. Mit Hilfe von James Joyce Ausreise nach England. Von dort aus, auf Betreiben von Thomas Mann und Albert Einstein, Emigration in die USA. Wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der Psychologie, Politik und Philosophie. Ab 1950 Professor an der Yale-Universität.


1888 - Pasenow oder die Romantik (BR 2007)

(3 Teile -165 Min.)

Zentrale Figur im ersten Roman ist der junge Leutnant Joachim von Pasenow, Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, der aufgrund seiner militärischen Laufbahn in Berlin lebt. Dort beginnt Joachim die zunächst heimliche Liaison mit der böhmischen Prostituierten Ruzena und bricht damit die standesgemäßen Übereinkünfte und elterlichen Erwartungen, die Tochter des Nachbargutes zu ehelichen. Diese Überschreitung begeht Pasenow nicht aus einer bewusst rebellierenden Haltung heraus, sondern aus einer unbewussten, schlafwandlerischen Suche nach Lebenssinn. Den größten Halt in dieser Phase der Neuorientierung erfährt er im Bewahren der äußeren Form. Ritualisierte Umgangsformen und das Tragen der offiziösen Uniform ("in ihr ist eine bessere Ordnung der Dinge zu finden") sind Pasenows Anker, mit denen er sich vor der Entwurzelung zu schützen versucht. Seine Abneigung gegen das Zivilistische und die gleichzeitig von diesem ausgehende Anziehung äußert sich vor allem im Verhältnis zu Eduard von Bertrand, seinem ehemaligen Militärkameraden. Bertrands emanzipierter Lebensentwurf – er hat den militärischen Dienst quittiert und ist nun ein erfolgreicher und international wirkender Geschäftsmann – wird von Joachim einerseits als bedrohlich wahrgenommen, andererseits orientiert er sich an dessen Reden und Denken. Joachim Pasenows Bruder Helmuth, der als Erstgeborener das elterliche Gut leitete, kommt in einem Duell ums Leben.

Der alte Pasenow, ein gefürchteter Despot ("es gab Menschen, die ein merkwürdiges und unerklärliches Gefühl der Abneigung verspürten, wenn sie ihn über die Straßen Berlins daherkommen sahen, ja, die in ihrer Abneigung sogar behaupteten, dass dies ein böser alter Mann sein müsse"), verliert über den Tod des Bruders den Verstand und konfrontiert Joachim mit schweren Vorwürfen. Immer noch bestimmt von einem starken Gefühl der Desintegration und außerdem beeinflusst von der Ermunterung Bertrands, fügt sich Joachim den Hochzeitsplänen des Vaters und hält um die Hand der jungen Adligen Elisabeth Baddensen an. In Elisabeth sieht Joachim die Werte und traditionelle Religiosität seiner eigenen Herkunft verkörpert und durch eine Ehe mit ihr die endgültige Rückkehr in den Schoß des Vertrauten besiegelt.


Erzähler: Jürgen Hentsch
Pasenow: Wolfram Koch
Bertrand Müller: Werner Wölbern
Vater: Jürgen Holtz
Mutter: Luise Deschauer
Ruzena: Linda Olsansky
Elisabeth: Cristin König
 


1903 - Esch oder die Anarchie (BR/hr 2008)

(4 Teile - 216 Min.)

Der Kölner Buchhalter Esch, der entlassen wurde, sorgt sich um den "Buchungsfehler in dieser Welt". Er will aufsteigen. In seiner Sehnsucht nach Orientierung bewegt er sich aber nur ziellos und schlafwandelnd zwischen Wertesystemen und irrationalen Ideen, ohne sich selbst in seiner Gleichgültigkeit wahrzunehmen. Zunehmend kommt ihm die Realität seiner kleinbürgerlichen Existenz abhanden: Er nimmt vorübergehend eine Stelle in Mannheim an, verstrickt sich in gewaltsame Gewerkschafts- und Arbeitskämpfe, beteiligt sich – zurück in Köln – an einem dubiosen Theaterunternehmen, das Damenringkämpfe organisiert, will nach Amerika auswandern und heiratet Mutter Hentjen, eine ältere Gastwirtin. Er wittert eine Weltverschwörung und imaginiert ein Attentat an ihrem vermeintlichen Kopf, dem Industriellen Bertrand.
In seinem Roman, der 1931 erschien, zeichnet Hermann Broch in zum Teil grotesken Situationen das Bild eines 'modernen' Charakters, seiner Individualität ausgeliefert, die ihn orientierungslos und innerlich leer zurücklässt.


Erzähler: Manfred Zapatka
Bertrand Müller: Werner Wölbern
Esch: Bernhard Schütz
Mutter Hentjen: Sabine Orleans
Erna: Caroline Ebner
Martin: Thomas Loibl
Nentwig / Alfons: Thiemo Schwarz
Korn: Stephan Zinner
Gernerth: Rainer Galke
Teltscher: Samuel Fintzi
Lohberg: Jens Harzer
Redakteur: Stefan Bissmeier
Oppenheimer / Prediger: Stefan Wilkening
Ruzena: Linda Olsansky
Harry: Steffen Scheumann 



1918 - Huguenau oder die Sachlichkeit (BR 2009)

(5 Teile - 279 Min.)

Wilhelm Huguenau, ein erfolgreicher Handeslvertreter, wird zum Wehrdienst eingezogen und endet schließlich als Infanterist an der belgischen Front. Vom Militärdienst an seine dröge und sinnlose Schulzeit erinnert, dauert es nicht lange, bis Huguenau Ende des Ersten Weltkriegs desertiert und zurück nach Deutschland flüchtet.

Deserteur Huguenau schlägt sich mit protestantischer Sachlichkeit durchs Hinterland, er entgeht mit Schläue der Verhaftung und erreicht schließlich ein kleines Moselstädtchen. Hier verfällt er seinem Drang nach profitabler Geschäftemacherei und trifft dabei sowohl auf den hiesigen Stadtkommandanten Joachim von Pasenow, als auch auf August Esch, den Herausgeber der Lokalzeitung Kurtrierscher Bote – beides Hauptfiguren des ersten, respektive zweiten Teils der Schlafwandler-Trilogie. Unter dem Motto "Zweck hat, was mir selber nützt!" erschwindelt sich Huguenau erst den Besitz am Kurtrierschen Boten, um dann später bei den Militärbehörden gegen den geprellten Esch, der vom Laienprediger immer mehr zum religiösen Eiferer wird, zu intrigieren.

Schnell verblasst der Reiz des Neuen und Huguenau verliert die Begeisterung für die Zeitung. Anfang November 1918 erreicht der Krieg und damit das Chaos auch die kleine Stadt. Gerüchte über den Zusammenbruch der Front kursieren.

Während einer Gefangenen-Revolte wird Major von Pasenow schwer verletzt. Huguenau bewerkstelligt es, sich in den Wirrnissen dieser Nacht Esch vom Leibe zu schaffen und anschließend ins sichere Hinterland zu flüchten. Wieder daheim in Colmar heiratet er mit erschwindeltem Geld, entledigt sich der Zeitung und führt das erfolgreiche väterliche Geschäft weiter. "Sein Leben war das, das seine fleischlichen Ahnen seit zweihundert Jahren geführt hatten, und sein Gesicht war ihr Gesicht."


Erzähler Huguenau: Peter Kurth
Huguenau: Samuel Fintzi
Erzähler Wertezerfall/Broch: Hanns Zischler
Erzähler Heilsarmee: Werner Wölbern
Erzähler Gödicke: Jens Harzer
Erzähler H. Wendlung: Cristin König
Major von Pasenow: Jürgen Holtz
Esch: Bernhard Schütz
Frau Esch: Sabine Orléans
Jaretzki: Milan Peschel
Flurschütz: Wolfram Koch
Kuhlenbeck: Manfred Zapatka
Schwester: Jeanette Spassova
Dr. Kessel: Felix von Manteuffel
u. a.



Bemerkungen:

Hermann Brochs Romantrilogie ist die vierte große Literaturumsetzung, die der BR seit dem Jahr 2000 vornimmt. Stets geht es dabei um herausragende, deutschsprachige Stoffe des 20. Jahrhunderts. Dabei kommt es nicht auf den Bekanntheitsgrad an, denn Brochs Schlafwandler gehören sicherlich nicht zu den populärsten Werken.
Das mag auch daran liegen, dass Broch alles andere als gefällig schreibt - das betrifft weniger den Stil, als den Inhalt.

Auch die Umsetzung mag dieses Problem nicht zu lösen. Man gönnt der Geschichte keine starke Transformation in ein Hörspielformat, sondern bleibt mit Mitteln der inszenierten Lesung hinter diesen Möglichkeiten zurück. Damit schiebt man den Fokus zwar deutlich auf den Text, es gelingt aber kaum, aus der Umsetzung heraus, dem Hörer Interesse abzuringen.

Broch stellt die Figuren seiner Romane sehr ausführlich dar und betrachtet ihr Handeln und Wandeln mit großer Detailschärfe. Unter diesem Aspekt kommt die gewählte Darstellung dem Stoff auch entgegen, da man dies nur schwerlich in reinen Dialogfassungen wiedergeben kann - zumindest nicht in dieser Spieldauer - die ohnehin schon recht breit angelegt ist.

Immerhin - allerdings auch nicht anders zu erwarten - hat man für die Umsetzung ein großes Ensemble zusammenbekommen. Von Jürgen Hentsch über Manfred Zapatka bis Jürgen Holtz gibt es große Stimmen, vor allem solche, denen man in der hier vorhandenen Länge auch noch gerne zuhört. Es sind mehr die erzählerischen Qualitäten, die hier im Vordergrund stehen, an diesen gibt es aber nichts auszusetzen.


Der hörverlag hat sich dem Projekt angenommen und bringt dieses dreiteilige Hörspiel in einer Box mit 10 CDs heraus. Dieser liegt ein 24seitiges Booklet bei, das viele Informationen zu Autor, Werk und Produktion enthält.


Wer hofft, durch "Die Schlafwandler" eine eingängie Hörspielfassung eines literarischen Schwergewichtes zu bekommen, den dürften die drei Produktionen doch eher enttäuschen. Klaus Buhlert schafft ein Hörstück, das sich mehr als inszenierte Lesung darstellt und sich als solche auch dem Hörer nicht gerade aufdrängt - im Gegenteil man muss sich hier schon auf diesen Stil einlassen können.
Auch wenn diese Fassung in sich inhaltlich und technisch schlüssig ist, fehlt mir hier letztlich das zwingende Argument für diese Hörfassung.


Meine Wertung: + +

Zur Startseite