Es gibt keinen Hund - Elf theatralische Synthesen

von Filippo Tommaso Marinetti u. v. a.

Aus dem Italienischen von Brigitte Landes
Musik: David Gattiker
Hörspielfassung und Regie: Franziska Hirsbrunner
DRS 1991
34 Min.

Mit Michael Wittenborn als Filippo Tommaso Marinetti und vielen anderen

Am 20. Februar 1909 publizierte der italienische Jurist und Dichter Marinetti im «Le Figaro » sein «Futuristisches Manifest», und schon bald ging die Post ab: Die Futuristen liebten spektakuläre öffentliche Auftritte und kultivierten sie in den «serate», ihren Propagandaveranstaltungen, bis zum Exzess. Auch waren sie der Meinung, jeder Futurist, ob Maler, Journalist, Musiker oder Lyriker, könne Theaterstücke schreiben. Natürlich nicht irgendwelche Theaterstücke, sondern theatralische Synthesen, in kurzen Szenen eingefangene Momentaufnahmen, die dem Umstand Rechnung tragen sollten, dass sich die Wahrnehmungsweisen durch die moderne Technik gründlich verändert hatten. Bewährte dramaturgische Traditionen liessen die Futuristen links liegen. Realismus, Psychologie und logische Handlungsabläufe waren pfui; Mobiliar, Licht, Farben und Geräusche avancierten zu Hauptdarstellern; mit Witz und Schlagfertigkeit wurden die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum aufgehoben: «Schmeisst mit Ideen statt mit Tomaten, ihr Idioten!», konnte etwa der Maler Carrà rufen. Gerade zimperlich gingen Marinetti und Co. mit ihrem Publikum eh nicht um. Denn so eifrig sie Theaterutopien entwarfen, so eifrig tobten sie in ihren Stücken auch ihre Wut auf die «Passatisten» aus, die hoffnungslosen «Vergangenheitler» und Hinterwäldler. Deshalb ist futuristisches Theater beides: Kampfansage an die Tradition und halsbrecherisches Experiment.



Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944), wuchs als Sohn eines italienischen Anwalts in Ägypten und Frankreich auf. Studium in Paris, Pavia und Genua. Begründer des Futurismus, Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg, Mitbegründer des Faschismus. Auch wenn der Futurismus trotz gegenteiliger Hoffnungen nicht zur offiziellen Kunstbewegung unter dem Mussolini-Regime wurde und Marinetti die Rassengesetze von 1938 ablehnte, blieb er ein überzeugter Faschist und ging 1941 als Kriegsfreiwilliger an die Ostfront.

David Gattiker, geboren 1955 in Bern, klassisch ausgebildeter Cellist, ging 1984 mit einem Kunststipendium nach New York und wurde dort ganz wesentlich von John Zorn beeinflusst. Live-Auftritte mit Tom Cora, Bill Frisell, Fredy Studer, John Wolf Brennan u. v. a.; Mitarbeit an Dokumentarfilmen und Kunstvideos. Spielt im «European Chaos String Quintet» und ist oft als Gastmusiker tätig, z. B. bei Stephan Eicher und Stiller Has.

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