Fenstersturz in Harlem

Nach dem gleichnamigen Roman von Chester Himes

Musik: Carsten Meyer
Hörspielbearbeitung und Regie: Martin Heindel
SWR 2011
57 Min.


Erzähler: Martin Semmelrogge

Coffin Ed: Engelbert von Nordhausen
Grave Digger: Udo Schenk
J.Perry: Oliver Stritzel
Dulcy: Laura Maire
Sergeant Brody: Bodo Primus
Bild: SWR/Peter A. Schmidt
Bild: SWR/Peter A. Schmidt




Die Leiche lag in voller Länge auf der Unterlage aus weichen, eingepackten Brotlaiben, als ob der Korb nach Maß angefertigt worden wäre. Das Messer stak in der Jacke, knapp unterhalb der Brusttasche. Das Gesicht war im Ausdruck ungläubigen Entsetzens erstarrt.

Mit einem skurrilen Fenstersturz geht es los. Big Joe Pullen ist tot. Und noch ein Mann stürzt aus dem Fenster des dritten Stocks. Aber er bleibt unversehrt: Er ist in einen Korb mit frischem Brot gefallen. Wenige Minuten später liegt ein anderer Mann darin. Ein toter Mann. Ein Mann mit einem Messer in der Brust. Ein Mann, der allgemein beliebt war, der keine Feinde hatte. Nun, zumindest einen Feind muss er gehabt haben. Wer ersticht schon einen allgemein beliebten Mann, wenn er nichts gegen ihn hat? Das tut keiner. Nicht einmal in Harlem. Die schwarzen Detectives Coffin Ed Johnson und Grave Dogger Jones machen sich wie gewohnt kompromisslos auf die Suche nach Motiven, die außerhalb von Harlem kaum denkbar sind. Denn der Schauplatz und heimliche Protagonist von Himes’ Kriminalromanen, die er selbst lieber »Heimatromane« nannte, ist Harlem – wobei Himes in Paris lebte und New York kaum kannte. Die Stories, die zwischen dem Hinterhof-Schrottplatz und dem Sugar-Hill-Hochhaus, zwischen Bar und Billardsaloon, zwischen Kirche und Bordell hin- und herspringen, machten Chester Himes in Europa berühmt. Es dauerte nicht lange, und französische Kritiker priesen die Thriller als »menschliche Komödien aus Harlem« und verglichen sie mit Balzacs Comédie Humaine. 

Chester Himes (1909-1984) geboren in Jefferson City/Missouri. 1927 kam er als afroamerikanischer Student an die Ohio State University. 1928 wurde er wegen eines Raubüberfalls zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt und 1936 vorzeitig entlassen. 1940 zog Himes nach Kalifornien und arbeitete in der Werftindustrie. Seine Erfahrungen mit Rassismus und linken Aktivitäten schlugen sich in seinen ersten Romanen nieder. Himes fühlte sich in den USA missverstanden und ging 1953 nach Frankreich. Marcel Duhamel, der die »série noir« herausgab, überredete Himes 1957 zu seinem Harlem-Zyklus. 1958 gewann »A Rage in Harlem« (»Die Geldmacher von Harlem«) als erster Titel eines englischsprachigen Autors den »Grand Prix de la littérature Policière« und Himes wurde in Europa als Kultautor gefeiert. Er starb in Moraira/Spanien.


Bemerkungen:

Nach "Die Geldmacher von Harlem" und "Die wahrhaft coolen Killer" beendet nun der SWR die Hörspieltrilogie nach Romanen von Chester Himes mit "Fenstersturz in Harlem". Wie schon in den beiden ersten Episoden, überzeugt man auch hier mit einer sehr stimmigen Inszenierung. Die tollen Sprecher, die dem Stück den passenden Stempel aufdrücken, sind auch hier wieder zu hören. Schön, dass es zumindest fast gelungen ist, die Stammbesetzung in allen drei Produktionen beizubehalten.

Die Geschichte lebt vom typischen Flair der Harlemer Halbwelt. Sie ist am Anfang etwas merkwürdig, da die Details um den Fenstersturz den Fall zunächst etwas unglaubwürdig machen. Nach und nach driftet der Plot aber in Richtung eines sehr runden Krimis, der den Hörer lange über Täter und Motiv rätseln lässt.


Chester Himes Milieugeschichten sind vielleicht dem einen oder anderen Ohr etwas zu spröde. Wer sich darauf einlassen kann, bekommt aber ein sehr gut und stimmig produziertes Hörspiel geboten.

Meine Wertung: + + +

 
Zur Startseite