G.F.R.G. – GmbH für religiöse Gründungen
  Autor: Carl Einstein
  Produktion: BR / HR / NDR 1993
  Bearbeitung: Gisela Lerch und Ulrich Gerhardt
Regie: Ulrich Gerhardt
  Länge: 53 Min.

Mitwirkende:

Erzähler: Rolf

Häberle: Ulrich Tukur
Poschatzer: Hans Wyprächtiger
Bulwig: Benno Hoffmann
Irrer: Johannes Hertel
Arzt: Helmut Pick
Margarete Häberle: Käte Jaenicke
Rulatsch: Joachim Höppner
Hortensio Preno: Paul Daniel
u.a.

Inhalt:

G.F.R.G. erzählt die Geschichte von Jakob Häberle, einem Caféhausgänger und "dreckigen Haderlump", der nach dem Tod seiner Mutter ein neues Auskommen suchen muß.
Da er "der Romane müde" ist, versucht er, "seinen vagen Einfall" zur Gründung einer neuen Religion rasch "in etwas Verzehrbares" umzusetzen. Und die Groteske nimmt ihren Lauf. Architekten und Dekorationsunternehmer, Werbeleute und Hysteriker schließen sich - das große Geschäft witternd - Häberle an. Nur für die Dichter beginnen - wieder mal - schlechte Zeiten, weil sie niemand mehr braucht. Dem Hörspiel liegt eine Erzählung aus dem Jahre 1913 zu Grunde.



Alles geht zuende. Die Welt am Abgrund. Der Wahnsinn in Tüten. Er bevölkert die Straßen.

Die Irren sind freigelassen und rennen herum. Mord, Selbstmord, Vergewaltigung, Geschlechtskrankheiten, es brennt, daneben totale Askese und Kontemplation. Das schlimme dabei ist die Vermengung, oft mehr eine Umkehrung, letztendlich die Aufhebung der Trennung des Normalen vom Irren. Die Realität selbst ist irre geworden. Die philosophisch-psychologische Grundfrage nach der Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn wird im überwältigenden Chaos am Endes des Hörstückes brutal nivelliert. Alles droht zu versinken. In Gewalt, Irrsinn und absoluter Anarchie. Kein Halt, kein Anker in Hörweite. Das ganze klingt sehr modern. Eigentlich zu modern, als dass man glauben könnte, das dem Hörspiel zugrunde liegende Prosastück Carl Einsteins habe tatsächlich fast 100 Jahre auf dem literarischen Buckel. Und doch ist es so.

Carl Einstein war ein verhinderter Bänker und obendrein Kunstwissenschaftler, gleichzeitig auch Expressionist und Provokateuer. Naja, die letzteren beiden gehen wohl oft einher miteinander, das eine bedingt nahezu das andere. Und genauso klingt es denn auch, wenn man den Versuch unternimmt sein fast schon unheimlich modernes Werk in hörbare künstlerische Formen zu pressen. Genauso muss es einfach klingen.

Jakob Häberle ist in einer prekären Lage. Seine Mutter ist tot, was ihm weniger emotional, sondern vielmehr rein finanziell Probleme bereitet. Was tun? Geld verdienen kann nur wer die Bedürfnisse des Menschen verstehen und bedienen lernt. Und was beschäftigt und gleichzeitig mangelt den Menschen immer und zu allen Zeiten? Die Antwort erscheint so genial wie simpel: Sinn!

Kurz. Abgehackt klingen Dialoge fast schon in Fetzen, genauso die schnellen Erzählpassagen. Durchbrochen von kurzen Bläserstaccati. Das Tempo ist permanent hoch, wenig Zeit für Pausen, wenig Platz für Innehalten. Häberle treibt seine Idee voran. Sie hat sich festgesetzt in seinem Hirn und er sucht nach Sponsoren, nach Teilhabern. Und die Mutter muss ja auch noch weggeschafft werden. Jakob kontaktiert den Geschäftsmann Bulwig, dessen Geschäft eigentlich der Tod und die Beseitigung seiner Folgen ist. Häberle unterbreitet Bulwig seine Idee, die „GmbH für religiöse Gründungen“ gewinnt an Kontur und Häberle zusätzlich den macht- und geldgierigen Poschatzer für die Gesellschaft.

Von ihm finanziert reist Jakob in das Reich der Mitte. Dort ist das Bedürfnis nach Religion als zentraler Macht oder besser nach Religiösem als Mittel der Marktbeherrschung groß. Zahlreiche Interessenten reflektieren die provokante Idee, welche vielfältigste Möglichkeiten der Geldvermehrung eröffnet. Aktienpakete, Werbung, Annoncen… alle wittern Gewinn, Gier greift um sich. Doch dann begegnet Häberle schließlich der erste „wirklich Irre“… und bei dem bleibt es nicht. Häberle kommt eine geniale Idee.

Warum nicht religiös Wahnsinnige kaufen, um andere „Normale“ anzustecken und damit seine Idee sinnstiftender Geldvermehrung noch schneller voranzutreiben? Doch das ist zuviel für den Direktor, Leiter der Anstalt, die des neuen Kumpanen Häberles Heimat ist. Mit dem Direktor will Jakob verhandeln, dreht dabei zunehmend durch, wird aggressiv… und natürlich eingewiesen. Keiner versteht ihn und die Genialität seiner ökonomischen Idee.

„Geben sie mir Kant zu lesen, wenn ich nicht platzen soll!“ Den versteht Häberle aber eh nicht. Doch viel interessanter erscheint ihm sein Zimmergenosse im Irrenhaus, der scheinbar vollkommen sinnentrückte Verse voll poetischer Anmut vor sich hinbetet. Hört man genauer hin, steckt irrsinnig viel Wahres darin… in seiner pensionierten Seele. Der neue Kompagnion Häberles sucht nichts weiter als Verständnis. Zur Not mit Protest, mit Gewalt, mit Dynamit. Jakob bemerkt, dass ihre Basis die gemeinsame wirtschaftliche Idee ist, und die poetischen Worte seines Zimmergenossen wirken auf ihn fast schon magisch. Aber diese hauseigene Konkurrenz macht Häberle schließlich dann doch irre und lässt ihn letztendlich auf den anderen Irren einschlagen. Häberle droht tatsächlich wahnsinnig zu werden.

„Der Verstand ist mir ausgeblutet… haltet mir das Hirn fest!“

Derweil erkennen die Literaten und noch mehr die Maler draußen in der „Normalität“ die Notwendigkeit einer Gegenbewegung, gegen diese sinnstiftende Konkurrenz Häberles. Dieser beruhigt sich derweil im Irrenhaus und erkennt neben der allgemeinen Notwendigkeit des Irrsinns, dass er wieder raus und sein gefählich gewordener Geschäftspartner Poschatzer rein muss ins Irrenhaus. Er schafft es wirklich und lockt seinen Partner mit der Aussicht auf das einträgliche Geschäft mit religiösen Irren genau dorthin.

Der Direktor muss derweil die vollkommene Gesundheit Häberles attestieren und zudem seiner Einschätzung folgen, dass nicht er, sondern sein „Freund“ Poschatzer irre sei. Häberles Plan geht vollens auf. Poschatzers Gier macht ihn aggressiv, der Direktor der Anstalt hält ihn für irre… er ist vielleicht sogar irre… ist überhaupt jemand normal in diesem Stück? Häberle verschwindet, überträgt Poschatzer sämtliche geschäftliche Verantwortung. Die Aktien und die Idee der GmbH fallen in den Keller, die Konkurrenz lässt die Finger vom brantheißen Geschäft… Häberles Plan geht erneut auf, Poschatzer ernennt ihn zum Generaldirektor.

Der fortschreitende Wahnsinn legt jetzt noch mehr an Tempo zu. Die Sätze werden schneller, die Pausen noch kürzer, der Beat drängender, die Musik bedrohlich. Häberle ist plötzlich beim Papst und spielt sich als religiöser Retter auf. Poschatzer wird in der Anstalt die Sache derweil zu bunt. Er bricht aus. Die Irren zünden die Anstalt an und sind frei. Das aberwitzige Tempo Spiegel zunehmenden Wahnsinn. Eine schrille Altstimme schmettert zerfetzte Arienversatzstücke, kündet wortlos den nahenden Crash an.

Der Wahnsinn ist nun nicht mehr aufzuhalten. Am Ende herrscht Chaos, die Kirche bankrott, der Papst tot, Vergewaltigung, Raub, Mord und Totschlag, alles verkehrt sich ins Gegenteil, die Realität wird irre an sich selbst, nur die Chinesen bilden kontemplativ betend auf der Straße den Kontrast. Häberle verliert eingefädelt von den Literaten seine in all dem Wahnsinn angehäufte Macht und bringt sich um. Bulwig sargt ihn ein. Und China regiert Europa.

Sie finden sich selbst verwirrt, vielleicht eine Spur irr, verloren in diesem bunten Treiben? Wenn der Hörer in diesem traumatischen Spiel nicht ein stückweit wahnsinnig wird, dann hat es sein Ziel verfehlt. Das Tempo ist höllisch, die Sprache mal drastisch, oft poetisch entrückt. Alles ist Ausdruck… wie es eben so ist im Expressionismus, auf den man sich erstmal einlassen muss… den man erstmal überhaupt zulassen muss. Das wirklich Erstaunliche ist aber die ungemein bunte wie breite Palette an aktuellen Fragen die das Stück dem Hörer um die Ohren wirft… jedoch alles getaucht in Wahnsinn. Verwirrendes Changieren zwischen Irrsinn und Vernunft, Finanzkrise und überbordende Profitgier, die Großmacht China vor der Tür, gleichzeitig jedoch um alles ein Mantel der Grenzsuche am Rande der Normalität nach Sinn, nach Transzendenz gehüllt. Plötzlich wirkt das Jahr 1913 gar nicht so weit weg.

Die Umsetzung von Gisela Lerch und Regisseur Ulrich Gerhardt aus dem Jahre 1993 passt sich dem um sich greifenden Wahnsinn (man kann es nicht oft genug sagen) des Inhalts an. Rolf Schult versucht als Erzähler ein logikstiftender Ruhepol inmitten des Chaos zu sein, doch auch er bleibt von der Raserei nicht verschont, zwischen seinen Sätzen ist kein Platz für Durchatmen. Ulrich Tukur verleiht als Häberle dem zunehmenden Irrsinn Stimme, noch mehr tut dies Johannes Hertel als namentlicher Irrer. Aber auch Hans Wyprächtiger als machtgeiler Poschatzer spielt vorzüglich. Überhaupt überzeugt das gesamte Ensemble, gänzlich muss die Umsetzung zweifelsohne durchweg als gelungen bezeichnet werden.

Eine generelle Empfehlung dieses außergewöhnlichen Hör-Albtraums ist dennoch definitiv nicht möglich. Das Tempo wird vielen einfach zu überdreht daherkommen, der allgegenwärtige Irrsinn die meisten eher abschrecken als faszinieren… durchaus gesund diese Einstellung. Aber die eigentliche Faszination von Carl Einsteins Stück schwingt als unter dem puren expressionistischen Ausdruck verborgener Grund hinter dem Vorhang des verbalpoetischen Feuerwerks beständig mit. Eine Anklage der Skrupellosigkeit von Geschäftemachern, des schnöden Mammons an sich, um den sich letztendlich doch alles dreht… und das 1913 wie heute. Eine abgefahrene Suche nach Normalität und Sinn im Taumel des puren verbalisierten Ausdrucks, ein „Furioso des Wahnsinns“ wie Wolfgang Rothe das Prosastück Einsteins einmal bezeichnete, das man den Gefahren des eigenen Irrwerdens zum Trotz nicht verpassen sollte.

Meine Wertung: + + + +

Rezension von Martin Stelzle
 
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