Moby-Dick oder Der Wal
Autor: Hermann Melville
Produktion: BR 2002
Bearbeitung, Musik und Regie:
Kluas Buhlert
Dauer: 540 Min.


Mitwirkende:

Ismael, 1. Erzähler: Rufus Beck
Melville, 2. Erzähler: Felix von Manteuffel
Ahab, Kapitän: Manfred Zapatka
Starbuck, 1. Offizier: Ulrich Matthes
Stubb, 2. Offizier: Bernhard Schütz
Flask, 3. Offizier / 3. Matrose: Karsten Hübner
Queequeg, 1. Harpunier: Rudolph Taruoura Grün
Vater Mapple, Pfarrer: Hermann Lause
Kapitän Peleg / Boomer, Kapitän der "Samuel Enderby": Michael Lucke
Kapitän Bildad / Kapitän der "Rachel": Werner Rehm
Zimmermann: Thomas Holtzmann
Schmied / Fedallah, Malaie: Jochen Striebeck
Peter Coffin, Wirt / Arzt der "Samuel Enderby": Horst Lebinsky
Mrs. Hussey, Wirtin: Christiane Roßbach
Elias: Helmut Stange
1. Matrose / Seemann aus Guernsey / Kapitän der "Bachelor": Stefan Wilkening
2. Matrose / Kapitän der "Delight": Henry Meyer
Pip, Schiffsjunge: Jonathan Beck
1. Mannschaft / Chor: Sebastian Edtbauer
2. Mannschaft / Chor: Sebastian Hofmüller
3. Mannschaft / Chor: Johannes Klarma
4. Mannschaft / Chor: Christian Friedel

Gesang: Lukas Bates-Reese
Violine: Hans Scheck
Violine: Martin Trauner
Chello: Nella Hunkins
Kontrabass: Peter Pühn

sowie im Chor: Christoph Franken, Nicholas Reinke, Marco Stormann, Nicola Fritzen, Johannes Rieder, Benjamin Mährlein

Inhalt:

Kapitän Ahab auf der Jagd nach dem weißen Wal – ein tragisches Urbild, ein Epos von übermenschlichen Ausmaßen. Der Held aber ist kein strahlender Ritter oder König, sondern ein armer, alter, skrupelloser Walfänger. Mit seinem Roman Moby-Dick – erschienen 1851 – wagte es Herman Melville, Amerika zum Stoff eines großen Epos zu machen, das den europäischen Vorbildern ebenbürtig sein sollte.

Die Motive sind eindrucksvoll: der Wal als mythisches Tier, das Meer als unerbittlicher Schauplatz und die Jagd als heroische Aufgabe. Ismael, Melvilles Erzähler und einziger Überlebender des tragischen Geschehens, macht sich dennoch nichts vor: „Oh Ahab! Was groß an dir sein soll, muss man aus den Himmeln pflücken; in der Tiefe muss man danach tauchen und es in der körperlosen Luft gestalten!“

So verbindet Moby-Dick das Heldenepos mit einem illusionslosen Porträt der damaligen Gesellschaft, zeigt den Walfang als Teil einer erstarkenden Industrie und spottet über religiöse Heuchelei. Mit Ismael schafft Melville einen besessenen Erzähler, der sich über alle Konventionen hinwegsetzt. Der Roman wird zur offenen Bühne für die Neugierde seines Autors: Einzelheiten über die Anatomie des Wals, die Angst vor der Farbe Weiß oder die Schiffshierarchie unterbrechen immer wieder die Abenteuer der Walfänger. Auch stilistisch bedient Melville sich verschiedenster Stimmen, vom Shakespeareschen Drama über das religiöse Traktat bis zur robusten Action Story.

Noch zu seinen Lebzeiten war Herman Melville ein vergessener Autor. Erst in den 1920er Jahren begann die weltweite Rezeption von Moby-Dick. Wenige Jahrzehnte später schien es, als hätte es das Motiv vom einbeinigen Kapitän, der verbissen ein furchterregendes Ungeheuer über die Weltmeere jagt und am Ende in die Tiefe gerissen wird, schon immer gegeben. Die stark gekürzten Buch-, Hörspiel- und Filmversionen, die auf Melvilles Grundhandlung aufbauen, sind kaum zu zählen.

Klaus Buhlerts zehnteilige Hörspielversion versucht erstmals, der Komplexität und Vielstimmigkeit des Romans gerecht zu werden, ausgehend von der vollständigen deutschen Neuübersetzung von Matthias Jendis, die 2001 bei Hanser veröffentlicht wurde.


Herman Melville, geb. 1819 in New York, gest. 1891 ebenda. US-amerikanischer Autor. Zunächst Kabinenjunge, Farmer, Lehrer und Matrose. Ab 1866 Arbeit als Zollinspektor. Gilt als einer der Begründer der US-amerikanischen Literatur. Romane u.a. Typee (1846), Omoo (1847) und Billy Budd (postum 1924). Nach dem Hauptwerk Moby-Dick (1850) kürzere Erzählungen, u.a. Bartleby (1853) und Benito Cereno (1856).


Bemerkungen:
"Moby Dick" ist nicht nur ein Klassiker der Weltliteratur, sondern vor allem auch eine Geschichte, die nahezu jeder schon in der einen oder anderen Form und Fassung kennen dürfte. Die wenigsten jedoch dürften tatsächlich die umfangreiche Vorlage gelesen, sondern sich eher eingängigeren Formaten gewidmet haben.

Klaus Buhlert hat den Versuch unternommen, das Werk Melvilles sehr originalgetreu in ein Hörspiel umzusetzen. Dabei transportiert er nicht nur den den reinen Plot, sondern nimmt auch die Einschübe mit auf. Er nutzt zwei Erzähler - zum einen Rufus Beck, der als Protagonist Ismael die Geschichte erzählt, zum anderen installiert der den Autor selbst (gesprochen von Felix von Manteuffel) als zweite Instanz. Dies ist zwar eine gute Lösung im Hinblick auf die Werktreue, sorgt aber dafür, dass diese Hörfassung alles andere als leichte Kost ist.

Die beiden Erzähler tragen große Teile des Stückes, was fast schon den Charakter einer szenischen Lesung mit sich bringt. Der Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass man den Text deutlich in den Fokus rückt. Musik- und Geräuschkulisse fallen aber nicht unter den Tisch, sondern werden sehr stimmig, aber eben auch sehr behutsam eingesetzt. Es gelingt trotzdem - gerade in den Spielsequenzen - eine adäquate maritime Kulisse zu zaubern.

Rufus Beck überzeugt als Ismael, er meistert die Kluft zwischen erzählender und erlebender Figur und gibt beiden die nötige Glaubwürdigkeit. Einen guten Kontrast zu ihm bietet Felix von Manteuffel, der hier die gewisse Distanz, die er in der Rolle des Autors zur Geschichte hat, gut verkörpert.
Die ausdrucksstarke Rolle des Käpitän Ahab übernimmt Manfred Zapatka, der auf den ersten Blick etwas zu "nett" für diese Rolle zu sein scheint. Er belehrt den Hörer aber sofort eines Besseren. Seine Leistungen bringt die sich in extremen Emotionen manifestierende Besessenheit Ahabs perfekt zur Geltung.
Aber auch in den Nebenrollen gibt es keinen Grund zur Klage, sowohl die Besetzung, als auch die Leistung stimmen und sorgen dafür, dass auch die kleinsten Auftritte homogen ins Gesamtbild passen.


Dichter als mit dieser Hörspielfassung kann man sich dem großen Werk Melvilles wohl nur durch das Lesen des Originals nähern. Klaus Buhlert hat hier eine sehr adäquate Hörspielfassung geschaffen, da er Inhalt und Format der Vorlage sehr gut transportiert hat.
Natürlich erschlägt diese neunstündige Fassung den Hörer zunächst, die Zeit darf man sich aber gerne nehmen, um diese Geschichte zu hören, die deutlich mehr zu bieten hat, als das, was die gängigen, verkürzten Umsetzungen mitbringen.

 
Meine Wertung: + + + +
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