Vom Leben gewöhnlicher Männer und Frauen: Vitali Antonio

von Giuseppe Pontiggia

Er hat einen guten Beruf, eine Frau und eine Geliebte. Trotzdem wird er seines Lebens nicht froh. Wie ein Schatten schwebt der Umstand über ihm, dass er 1932 in Steisslage zur Welt kam und seiner Mutter bei der Geburt schreckliche Schmerzen bereitete - ein Trauma, mit dem er seiner Frau auf die Nerven geht und bei seiner Geliebten Anerkennung findet. Eines Tages bricht er alle Brücken hinter sich ab, kündigt sieben Jahre vor der Pensionierung und begibt sich alleine auf eine Nilkreuzfahrt. Am 2. Januar 1986 stirbt er im Tempel von Luxor an einem Herzinfarkt. Spielerisch verkehrt Giuseppe Pontiggia in seinem achtzehn Biografien umfassenden Roman «Vite di uomini non illustri» von 1993 den literarischen Kanon der Lebensbeschreibungen berühmter Männer in sein Gegenteil und zeichnet fiktiv, aber akribisch beliebige Lebensläufe durchschnittlicher Zeitgenossen nach. Er tut das, wie später dann im Roman «Zwei Leben», dem autobiografisch getönten Bericht über ein behindertes Kind und Vorlage für Gianni Amelios Film «Le chiavi di casa», mit berührendem Witz, einem in der Kürze versteckten Reichtum und ganz ohne Kitsch und Klischees.

Mit Paul Burian, Till Kretzschmar, Herlinde Latzko und Susanne-Marie Wrage

Aus dem Italienischen von Barbara Krohn

Musik: Jörg Köppl

Hörspielfassung und Regie: Franziska Hirsbrunner

DRS 2008
18 Min.

Giuseppe Pontiggia, geboren 1934 in Como, war ein Büchernarr. 40'000 Bände hatte er in seiner Mailänder Vierzimmerwohnung gesammelt. Um überhaupt Zeit dafür zu haben, gab er eine Anstellung als Bankkaufmann auf, studierte Literatur, promovierte, wurde Lehrer und schliesslich Schriftsteller. Als Verlagsberater bei Adelphi und Mondadori, Kritiker, Übersetzer und Leiter von Schreibseminaren am Radio und an der Universität war er während vierzig Jahren ein aufmerksamer Beobachter der literarischen Szene, ein Entdecker und Förderer neuer Talente, ein Vermittler zwischen den Literaturen und ihren Epochen. Pontiggia starb 2003 in Mailand.

Jörg Köppl, geboren 1964 in Baden, studierte Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste und besuchte «Analysen elektroakustischer Musik» bei Thomas Kessler im Elektronischen Studio Basel. Neben Auftritten als Performer mit Peter Zacek realisierte er zahlreiche Audioperformances und -installationen im In- und Ausland. Er unterrichtet an verschiedenen Institutionen, komponiert für Instrumentalisten und Hörspiele.