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Meister und Margarita

ein Hörspiel von Michail Bulgakow, BR 2014 / der hörverlag 2014


Eine fantastische Abenteuergeschichte, eine Liebesgeschichte, eine philosophische Parabel über Gut und Böse sowie über die Macht und Ohnmacht der Kunst, eine Groteske über die russische Bürokratie – ein russischer Faust. „Meister und Margarita ist eines der rätselhaftesten Werke der Weltliteratur“, schreibt der Übersetzer Alexander Nitzberg. Viele lasen den Roman nach seinem Erscheinen 1966/67 in der Sowjetunion und lernten ihn auswendig. Die verhexte Wohnung Nr. 50 in der Sadowaja 302b, in der Bulgakow selbst von 1921 bis 1924 lebte, wurde zur Pilgerstätte. Diese Wohnung ist auch ein zentraler Handlungsort des Romans, von dem aus der schwarze Magier Woland die Stadt Moskau auf den Kopf stellt. Er lässt Frauen plötzlich in Unterwäsche auf der Straße stehen oder nackt auf Besen herumfliegen, zaubert Geld herbei, das sich kurz darauf in Konfetti verwandelt und befördert lästige Personen binnen Sekunden in die Ferne – oder in die Psychiatrie. Auch seine Begleiter, allen voran ein großer, auf den Hinterbeinen gehender und sprechender Kater, stehen ihm, was ihre Scherze angeht, in nichts nach. In dieser phantastischen und grotesken Moskauer Teufelsgeschichte liegen Wahn und Wirklichkeit nah beieinander. Bulgakow zeichnet eine Gesellschaft, die haltlos und ohne Orientierung ist: Die Menschen stehen stundenlang in allgegenwärtigen Warteschlangen, leben in verdreckten Gemeinschaftswohnungen und sprechen eine Sprache des Misstrauens. Sie verlieren Körperteile, lösen sich auf, verschwinden, fallen ins Bodenlose. Tote werden zum Leben erweckt. Der Moskauer Handlungsstrang wird durch einen zweiten Strang unterbrochen, in dem es um die Verurteilung des Jeschua Ha-Nozri durch den römischen Prokurator Pontius Pilatus geht. Pilatus leidet an Migräne, misstraut den Menschen, liebt nur seinen Hund, hasst das schwül-heiße Jerschalajim und denkt daran, sich das Leben zu nehmen. Dass er diesen gutmütigen, aber auch unterhaltsamen jungen Mann zum Tod am Kreuz verurteilen soll, missfällt ihm. Er ist jedoch dazu verpflichtet – und so wird Jeschua auf den „Kahlen Berg“ gebracht – in der russischen Literatur der Ort für Hexensabbat und Teufelstanz. Zu diesem antiken Handlungsstrang zählen noch Judas aus Kirjath, den der römische Geheimdienst wegen seiner fragwürdigen Rolle beim Justizmord an Jeschua später umbringt, und Jeschuas Schüler Levi Matthäus, der die Worte seines Herrn aufschreibt – jedoch oft falsch. Diese Erzählstränge unterscheiden sich sprachlich sehr deutlich. Nach etwa zweihundert Seiten tritt ein Ende dreißigjähriger, ehemaliger Schriftsteller auf: der Meister. Einst hatte er als hochgebildeter Historiker in einem Moskauer Museum gearbeitet, jetzt aber sitzt er in der Irrenanstalt. Sein Auftreten verknüpft die beiden Erzählstränge. Denn er gibt sich als Autor eines großen Romans über die Leiden des Pontius Pilatus zu erkennen. Die Veröffentlichung einiger Kapitel seines Meisterwerks erregte jedoch so viel öffentliches Ärgernis, dass er in Wahnsinn verfiel. Dieser Roman im Roman ist kein in sich geschlossener Komplex, sondern verteilt sich auf vier eigenständige Kapitel. Seine Geliebte, die verheiratete wohlhabende Margarita, hat er seitdem nicht wiedergesehen. Sie vermissen einander – und so lässt sich die an Abenteuern interessierte Margarita auf einen faustischen Vertrag mit einem Assistenten Wolands ein. Der Teufel will in der Sadojawa 302b, Wohnung 50, einen Ball geben und lässt dafür Margarita als Ballkönigin anwerben. Verjüngungscremes und eine Flugsalbe verwandeln Margarita in eine fliegende Hexe, die ihre heikle Aufgabe beim Ball so souverän meistert, dass ihr Woland das Wiedersehen mit ihrem geliebten Meister ermöglicht. Auf Anweisung Jeschuas lassen er und seine Assistenten Meister und Margarita dann sterben – sie hätten „Ruhe verdient“. Auf ihrem postmortalen Weg führen Woland und die Assistenten die nun im Tode Vereinten durch die Wüste und an Jerusalem vorbei, wo sie dem depressiven Pilatus begegnen. Der Meister schickt Pilatus mit der ihm von Woland übermittelten Frohbotschaft, dass Jeschua auf ihn warte, nun ebenfalls in den Himmel. Meister und Margarita zeigt das Diabolische im Alltag der Diktatur, wobei sich Bulgakows Kritik weniger gegen den Diktator Stalin richtete als gegen das bürokratische System der Sowjetunion, in dem er als Schriftsteller durch die Zensur erniedrigt wurde. Bulgakow beschreibt diesen Kampf des Individuums als einen Hexentanz, der sich ausdrückt durch verfemte Literatur und menschliche Liebe, die den Tod zu überwinden vermag.

„Bulgakows Roman Meister und Margarita kam 1968 in deutscher Übersetzung heraus. Was für ein Roman! Eine poetische Flaschenpost direkt aus der Moskauer Vorhölle.
I’ll send you S.O.S... I’ll send you S.O.S... message in a bottle1967 hatten wir gerade unsere erste Beatband in Halle (an der Saale) gegründet: Team 67. Und auch wir wollten abrechnen mit den ‚Gottlosen‘ um uns herum – wenn’s sein musste, auch mit Hilfe des Teufels. Margaritas Flug über Moskau hatte für uns nichts Exotisches. Das zu lesen war wunderbar tröstlich, stand für Ausbruch, Freiheit und Grenzenlosigkeit. Was will man mehr von einem Buch, als mit ihm fliegen zu lernen ... Der ‚neue Mensch‘ war irgendwie und irgendwo zum Teufel. Da schien es logisch, dass Bulgakow den Magier Woland in die Moskauer Gartenstraße – Wohnung Nr. 50 – zitiert, um dort Hausrecht auszuüben. Außerdem war Woland gar kein richtiger Teufel. Er war Bulgakows Erfindung eines Teufels – weit davon entfernt böse zu sein: ‚Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft...’ (Goethe, Faust). Freuen wir uns also auf Wolands neue Show. Wo man auch uns irgendwo hinbefördert. Es muss ja nicht gleich die Hölle sein...
I’ll send you S.O.S... I’ll send you S.O.S... message in a bottle.“ (Klaus Buhlert)

„Meister und Margarita – dieses Hörspiel wollte ich nicht aufnehmen – ich wollte es hören! Unbedingt! Am besten auf Russisch... Aber Russisch ist mir irgendwie abhanden gekommen – in meinem zweiten Leben in Westberlin. Ich hatte es vierzig Jahre nicht mehr sprechen wollen... Nix sprechen russisch... behauptet Woland im Roman – nachdem er am Patriarchenteich akzentfrei über Pilatus, Gott und die Welt geplaudert hat. Was also ist der Unterschied zwischen einer Fremdsprache und einer fremden Sprache?
Sprache schafft Hindernisse. Worte werden mißverstanden. Wenn aber Worte nichts mehr sagen, dann sollte man etwas mit ihnen tun – ich zum Beispiel muss sie immer wieder hören (am besten geht’s mit dem inneren Ohr!). Einen Ton für sie finden; einen akustischen Ort. Das belebt kalte Wortleichen manchmal. Bulgakow hat sich mit Meister und Margarita durch einen Riss in der Moskauer Alltagssprache gezwängt, zwischen einerseits Anbrüllen und andererseits Beten. Und er liebt alle seine Figuren, obwohl es – objektiv betrachtet – im Roman wenig Grund dafür gibt. Kann man das hörbar machen im Radio? Kann Bulgakows Roman (weit weg von russischer Alltags- und Kremlsprache) zur akustischen Arche ‚Poesija Russland‘ zusammen geschraubt werden? Nix sprechen russisch... Das Boot besteigen. Sich selbst retten. Und alle mitnehmen, die es möchten. Auch den Hörer.“ (Klaus Buhlert

Zahlreiche Künstler ließen sich von Meister und Margarita in ihrer Arbeit inspirieren. Klassische Komponisten schrieben Sinfonien und musikalische Phantasien, u. v. a. Dmitri Smirnow und Andrey Petrov, York Höller verarbeitete Meister und Margarita zu einer gleichnamigen Oper in zwei Akten (1989 in Paris uraufgeführt).

Die Oper Rainer Kunads kam bereits 1986 in Karlsruhe heraus (nachgespielt unter der musikalischen Leitung von Robert Satanowski). Theateraufführungen, u. v. a. an der Berliner Volksbühne unter der Regie von Frank Castorf (2002), am Düsseldorfer Schauspielhaus unter der Regie von Sebastian Baumgarten (2007/2008). Romane, u. v. a. Teufels Werke von Witali Rutschinski (2002) – eine Satire auf Geheimdienste und den Staat. Filmadaptionen u.a Pilatus und andere (1972) von Andrzej Wajdas. Popsongs u.a von The Rolling Stones (Sympathy for the Devil), Patti Smith (Banga) oder Pearl Jam (Pilate). 2005 wurde der Roman für das russische Fernsehen als zehnteilige Fernsehserie unter der Regie von Wladimir Bortko verfilmt.


Michail Afanassjewitsch Bulgakow (1891–1940), Studium der Medizin, 1916 als freiwilliger Helfer des Roten Kreuzes in Frontlazaretten des Ersten Weltkrieges tätig. 1920 Beschluss Schriftsteller zu werden.1921 Umzug nach Moskau, dort Sekretär in der Literaturabteilung für Bildungswesen, Journalist, Feuilletonist, gleichzeitig Arbeit an mehreren Stücken und Erzählungen. 1926 Hausdurchsuchung, bei der seine Tagebücher und der Roman Hundeherz konfisziert werden. 1927 Hetzkampagne parteikonformer Schriftsteller und Kritiker. Ab 1928 Beginn an der Arbeit zu Meister und Margarita. 1929 Bühnenverbot, er wird als „innerer Emigrant“ denunziert. Bulgakow stellt Reiseantrag, der abgelehnt wird. 1930 Vernichtung aller Manuskripte. Nach einem Telefonat mit Stalin erhält Bulgakow eine Stelle am Künstler-Theater als Regieassistent und am „Theater der Arbeiterjugend“ als Dramaturg. 1934 Heirat mit Jelena Sergejewna Schiloskaja, das Vorbild der Margarita-Figur. 1936 erscheint ein anonymer Hetzartikel, der nach sich zieht, dass Die Kabale der Scheinheiligen vom Spielplan genommen wird. Darauf kündigt Bulgakow seine Arbeit am Künstler-Theater, er wird Librettist am Bolschoi-Theater. 1939 schwere Symptome einer Nierensklerose sowie allmähliche Erblindung. Trotz fortschreitender Krankheit Weiterarbeit am Hauptwerk bis zum Tod am 10. März 1940.
Prosawerke, u. v. a. Notizen auf Manschetten (1921), Haus Nr. 13 (1922), Tschitschikows Abenteuer (1922), Teufelsspuk (1924), Die weiße Garde (1924), Die verhängnisvollen Eier (1924), Hundeherz (1925) bereits ein Jahr später konfisziert, Teufeliaden (1925), Aufzeichnungen eines jungen Arztes (1925/27). 1926 Uraufführung der Stücke Tage der Turbins und Sojas Wohnung sowie 1928 Die Purpurinsel, die im darauffolgenden Jahr verboten werden. Theaterstücke, die zu Lebzeiten Bulgakows weder publiziert noch aufgeführt wurden, u. v. a. Adam und Eva (1931, veröffentlicht 1971), Glückseligkeit (1933–34, veröffentlicht 1966), Iwan Wassiljewitsch. Komödie in drei Akten (1934–35, veröffentlicht 1965), Don Quijote (1937–38, veröffentlicht 1962). Roman Meister und Margarita (1928–1940, veröffentlicht 1967/68).

Alexander Nitzberg, geboren 1969 in Moskau, lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer, Publizist, Librettist und Rezitator in Wien. 1980 Ausreise nach Deutschland. Studium der Germanistik und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf. Veröffentlichung von Gedichten, Essays. Werke, u. v. a. Getrocknete Ohren. Gedichte. (1996), Im Anfang war mein Wort. Neue Gedichte. (1998), „Na also!“ sprach Zarathustra. (2000), Lyrik Baukasten. Wie man ein Gedicht macht. (2006), Farbenklavier. Gedichte. (2012). Zahlreiche Lyrikübertragungen aus dem Russischen, u. v. a. von Wladimir Majakowski, Anna Achmatowa, Nikolaj Gumiljow. Übersetzung von Theaterstücken, u. v. a. von Anton Tschechow. Herausgeber und Übersetzer der deutschen Daniil-Charms-Edition (2010). Übersetzungen von Bulgakow Meister und Margarita (2012), Das hündische Herz (2013), Die verfluchten Eier (2014).

Klaus Buhlert, geb. 1950. Studium der Musik, Akustik und Informatik in Magdeburg, Berlin und Cambridge (USA). 1982 Promotion. 1983–86 Gastprofessur für Elektronische und Computer-Musik an der TU Berlin. 1986 Gründung des eigenen Produktionsstudios in Berlin, seitdem Arbeit als freier Komponist und Hörspielregisseur. BR-Hörspiele und Hörspielregien, u. v. a. Hotels (von Raoul Schrott, 1995, Hörspiel des Jahres), Finis Terrae (mit Raoul Schrott, 1996), Der Irre und der Blinde – Fragment eines Dialoges (BR/DLF 1997), Zarzura (von Raoul Schrott und Michael Farin, 1998), Gilgamesh (von Raoul Schrott, 2001), Der Mann ohne Eigenschaften. Remix (von Robert Musil, 2004, Deutscher Hörbuchpreis), Die Serapions-Brüder (von E.T.A. Hoffmann, 2006), Die Schlafwandler (von Hermann Broch, 2008), Der Process (von Franz Kafka, 2010), Die Blendung (von Elias Canetti, 2013).

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Vorstellung im OhrCast

Ursendung: 14.12.2014

Als Download / Im Handel verfügbar seit / ab: 13.10.2014


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