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Die Blendung

ein Hörspiel von Elias Canetti, BR / ORF 2013 / der hörverlag


Eine mehrteilige „Comédie humaine an Irren“ sollte es werden, doch von dem ursprünglichen Pandämonium, bevölkert von Typen wie dem religiösen Fanatiker, dem Wahrheitssucher oder dem Phantasten blieb allein „der Büchermensch“ übrig: Peter Kien. Er ist Protagonist von Elias Canettis erstem und einzigen Roman Die Blendung, der 1931 entstand, 1935 im Wiener Verlag Herbert Reichner erschien, dem Autor aber erst in den 60er Jahren breite Anerkennung einbrachte. Erzählt wird der Weg des Privatgelehrten und Sinologen Peter Kien in den Wahnsinn. Kien, der seit Jahren nur noch für und in seiner riesigen Privatbibliothek lebt, ein „Kopf ohne Welt“ – so der Titel des ersten Teils –, wird von seiner geldgierigen Haushälterin Therese Krumbholz, die ein Faible für Bücher vortäuscht, zur Heirat verführt. Die Ehe gestaltet sich als Kampf zweier Wahnwitziger, in dem Kien den Kürzeren zieht, aus der Wohnung vertrieben wird und in der Wiener Halbwelt landet. Konfrontiert mit einer „Kopflosen Welt“ begegnet Kien dort dem Kleinkriminellen und Schachfanatiker Fischerle, der es auch nur aufs Geld abgesehen hat. Im dritten Teil „Welt im Kopf“ tritt der Bruder Georg auf den Plan, wirft Therese mit ihrem Liebhaber, dem gewalttätigen Hausverwalter Pfaff, aus der Wohnung und versorgt den Professor wieder mit Geld. Im furiosen Schlusskapitel setzt der wahnsinnig gewordene Kien seine Bibliothek und sich selbst in Brand: ein Autodafé unter schallendem Gelächter.

Angesichts des Nomadenlebens der Jugendzeit, angesichts von Massenaufläufen und der Inbrandsetzung des Wiener Justizpalastes durch demonstrierende Arbeiter im Jahr 1927 und angesichts der emotionalen Kälte der Großstadtmenschen im gehetzten Berlin der 20er Jahre war Elias Canetti klar geworden: „Die Welt war zerfallen, und wenn man den Mut hatte, sie in ihrer Zerfallenheit zu zeigen, war es noch möglich, eine wahrhafte Vorstellung von ihr zu geben.“ Statt beschönigender Ästhetisierung oder singulärem Erzählerstandpunkt wollte Canetti mit Extremfiguren und Außenseiterexistenzen Schlaglichter auf die Welt, auf „Figuren am Rande des Irrsinns“ werfen. Die „wahrhafte Vorstellung“ von einer chaotischen Welt gestaltete er in Die Blendung demnach als minutiöse Nachzeichnung einzelner, unvereinbarer Wahnwelten. Schonungslos führt der Text in brachiale Kosmen der Verblendung und die Privatmythen der Figuren sind Ausdruck von Welt- und Selbstentfremdung, deren „realistische“ Darstellung in Entmenschlichung, ins Animalische, in die Groteske mündet. Die Mischung aus Erzählung, innerem Monolog, erlebter Rede und aus vom Autor aus seinem tatsächlichen Erfahrungsumfeld aufgegriffenen Dialogen vermittelt diesen Wahnsinn auch als einen sprachlichen, der gegenseitige Verständigung unmöglich werden lässt. In der literarischen Tradition eines Johann Nestroy, Karl Kraus oder Franz Kafka führt Canetti den Kampf zwischen Geist und Wirklichkeit bis zum Zusammenbruch abendländischer Ratio, der auch das faschistische Desaster vorzeichnet.


Klaus Buhlert, geb. 1950. Studium der Musik, Akustik und Informatik in Magdeburg, Berlin und Cambridge (USA). 1982 Promotion. 1983–86 Gastprofessur für Elektronische und Computer-Musik an der TU Berlin. 1986 Gründung des eigenen Produktionsstudios in Berlin, seitdem Arbeit als freier Komponist und Hörspielregisseur. BR-Hörspiele und Hörspielregien, u. v. a. Hotels (1995, Hörspiel des Jahres), Finis Terrae (1996), Der Irre und der Blinde (BR/DLF 1997), Zarzura (1998), Gilgamesh (2001), Der Mann ohne Eigenschaften. Remix (2004, Deutscher Hörbuchpreis), Die Serapions-Brüder (2006), Die Schlafwandler (2008), Der Process (2010).

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Als Download / Im Handel verfügbar seit / ab: 18.11.2013


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