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Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt

Originalhörspiel - ein Audio Art Hörspiel von Schorsch Kamerun, WDR 2006


⏰ 54 Min.

🎬 Regie: Schorsch Kamerun

🎼 Musik: Schorsch Kamerun

🎤 Mit: Schorsch Kamerun, Fabian Hinrichs, Mila Dargies, Daniel Lommatzsch, Susanne Jansen, Lena Hiebel, Tama Pollak, Thomas Sehl

Einen Schritt vortreten. Vor das Bild. Vor die Kulisse. Etwas lauter sein müssen, aber allein. Selbstdarstellung - ohne Publikum. Entregelt. Absaufen in Details.
Schorsch Kamerun wählt in seinem Stück den Pointillismus als biografische Methode und lässt Menschen auftreten, die eine dunkle Kammer in ihrem Leben öffnen. Um heraus zu finden, ob es uns noch möglich ist, nach Wünschen zu handeln - oder ob wir ausschließlich auf Angebote reagieren. Ob die Weißgesichtigkeit um uns herum doch nur Fassade ist, unter der sich Profile verstecken. Ein Spiegel der Lebens- und Arbeitswelt, die mit ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen und Sozialbedingungen moderne Menschen zu unglücklich Suchenden werden lässt. Wie den jungen Mann, der seit der Trennung von seiner Freundin einen Zähltick hat und immer neunmal spülen muss auf der Toilette, auch nachts. Die Frau, deren Blumen besser gedeihen, wenn sie selbst nicht zu Hause ist. Den Kommunalpolitiker, der eine renitente Riesenschildkröte auf Galapagos als Vorbild für sein Denken und Planen erwählt hat. Sie alle gewähren bestürzende Einblicke, erlauben beruhigende Vergleiche, beschleunigt durch Songs von Schorsch Kamerun. Und jeden Moment glaubt man als Hörer, sich selbst zu erkennen - aus scheinbar sicherer Distanz.
Expertenmeinung: Hörspielpreis der Kriegsblinden 2007, Entschließung der Jury: 'Kamerun zeichnet das bestürzende Porträt einer Generation, die zwischen Mediengeschwätz, Lifestylemode und Kaufwelt, zwischen verordneter Wahlfreiheit und allgemeiner Beliebigkeit keine Chance auf ein originales Leben, auf authentische Wünsche hat. Kameruns Menschen leben in einer indirekten Welt, zugeschüttet mit einem Übermaß an Null-Information. Sprechen sie, zitieren sie? Ist das Plattheit oder Ironie? Und wo sind wir überhaupt? In der Wirklichkeit, im Fernsehen, in einer Talkshow, im Gespräch, in der Satire? Kamerun lässt das offen, lässt das Publikum teilhaben an der Desorientierung seiner Figuren. Sie drehen sich im Kreis, zwischen Praktika und Projekten, zwischen Leerlauf und Wiederholung. Dazwischen leuchtet wilde Wut auf, ohnmächtige Angst, ziellose Sehnsucht. Protest wird nicht gehört, geht unter im allgemeinen Medienbrei. Hoffnung findet nur vorgefertigte Wege. In bruchstückhaften Zitaten wird an eine Zeit erinnert, in der Aufklärung und Kunst Werte vorgaben. Heute ist Verweigerung der höchste Wert. Und von den Gedanken der Aufklärung bleibt die Erkenntnis, dass man einen Gedanken eben nicht zu Ende denken kann. Kamerun inszeniert das mit bestem Gebrauch radiophoner Mittel. Musik und Atmosphäre geben das Thema vor, ein auswegloses Kreisen in Wiederholungen, mit winzigsten Variationen,mit seltenen Ausbrüchen von intensiver Heftigkeit. In Sprache und Musik sind sehr sorgfältig Kontraste montiert, die sich gegenseitig mattsetzen. Er arbeitet mit Groteske und Komik - aber wenn man lacht, ist man zugleich tief entsetzt. Dieses irritierende Stück Gesellschaftskritik überzeugte in der Radikalität der Aussage und dem souveränen Gebrauch des Mediums Radio.'


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«Es beginnt wie die Anpreisung des ultimativen Verkaufsschlagers der Saison. Der Marktschreier greift zum Megaphon und zu den unwillkürlich packenden Klängen eines der bekanntesten Gitarrenriffs einer der markantesten Rockbands des vergangenen Jahrtausends übertönt er sämtliche etwaigen Vorbehalte eines aufgrund des etwas seltsam anmutenden Titels über berechenbare Menschenbilder eventuell abgeschreckten Rezipienten. Und am Ende soll die Summe gar Null ergeben? Wie meinen?

Doch jegliche Irritationen werden gleich zu Beginn hinweggeschwemmt durch eine wahre verbale Flutwelle begeisternder Aufforderungen und Willkommenseinladungen an Ein- und Ausgeweihte aus dem Munde des Megaphonisten, der uns scheinbar vielversprechende Dinge über die Chancen der Welt von heute entgegenschreit. Zumindest klingt seine Begeisterung danach. Doch bei genauerem Hinhören in Richtung Inhalt des Geschrienen klingt das Ganze doch eher ambivalent.

Vor etwaigen Fehlern wird gewarnt. Vom Breitklang der Möglichkeiten ist zwar die Rede, aber genauso von Bedingungen, von der Unmöglichkeit, gar dem Verbot von Innovation. Alles soll super sein, dadurch aber zwangsläufig auch nichts mehr. Alles ist nichts. Irgendwie sehe ich John Cage mit seiner Pudelmütze auf dem Kopf aus einer Ecke winken. Also ein sinnentleertes Kreisen in sich selbst?

'Frisch erfinden darf hier niemand mehr!' oder 'The death of the cool!'

Das klingt doch gar nicht so toll. Das erschreckt vielmehr! Das Leben soll gar nicht mehr selbst erlebt werden? Auch das soll einem in Zukunft abgenommen werden? Die Bewegung der angepriesenen No-Infos als scheinbarer Ausweg in die geistige Freiheit, die auf diesem redunanten Wege doch eh hinfällig wird?

Welches Menschenbild soll denn hinter derart poppig-postmodernen Ambivalenzen gefangen zwischen Sinn und Unsinn stecken? Ist das etwa die „Null“? Eine Nicht-Summe? Was ist dann der Mensch heute noch? Was die Gesellschaft, in der er zwangsläufig lebt? Was ist eine Null denn überhaupt wert? Nichts? Das Leben nivelliert sich selbst?

Zunehmende Verwirrung macht sich breit. Der Marktschreier hat den Zuhörer genau da, wo er ihn haben will. Schorsch Kamerun, der Autor dieses Stückes, hat seinen Rezipienten quasi bei den Ohren gepackt, in ein Auditorium verpflanzt und zwingt ihn fortan zuzuhören. Der durch das bisher Gehörte wohl am ehesten belustigte Radiohörer ist zurecht verwirrt, vielleicht sogar etwas verstört.

Antworten auf seine Fragen, die sich zwangsläufig bei den gebrüllten Widersprüchen des Ansagers stellen müssen, sollen nun also auf der Schaubühne des Lebens exemplarisch vorgeführt werden. Der Marktschreier fordert auf genau hinzuhören und sich dabei sein eigenes Menschenbild zu berechnen. Na dann...

'Vorhang auf. Glück auf!'

Soweit, so gut. Aber was kommt? Mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit etwas, womit keiner rechnet. Ein Mann erzählt von einer prägenden Lebenserfahrung, einer Hodenoperation im Alter von 16. Relativ detailliert kann er sich an jeden chirurgischen Schritt erinnern. Dabei klingt er nicht unbedingt aufgewühlt, sondern eher belustigt ob der emotional peinlichen Situation. Das Ganze holt nach dem knallbunten Auftakt, der den Hörer in den Orbit der postmodernen Sinnentleertheit geschossen hat, denselbigen auf den Boden der Tatsachen einem Absturz gleich zurück. Ein generell sehr effektives Stilmittel dieses Stückes ist der Kontrast, sowohl inhaltlicher, als auch klanglicher Natur.

Emotionslose Berichte über entwürdigende Praktikantenjobs, halbphilosophische Auslassungen über einsame Schildkröten, sinnlose Gewaltausbrüche als Klamauk in Gedanken und in echt, gegen Kantinenbesucher und Werbefiguren, seltsam lahme Protestlieder ohne Kraft gegen Willensbeugung und die mediale Verblödungsmaschinerie, das konstant konsequente Aneinander-Vorbeireden zweier 'Freundinnen', namens- und identitätslose Mikes, kurz aufblitzende nackte Angst vor ankerloser Einsamkeit und Sinnleere, diese von Mozart persönlich musikalisiert, ein verlassener Zwangsneurotiker mit Spültick und zwischendurch immer mal wieder das Gekreische des Ansagers, der geistige Tiefsinnsfetzen schmettert, die aber ohne echten Kontext im luft- und sinnleeren Raum hängen bleiben und auf keinen fruchtbaren Boden fallen können, da dieser bereits seit langem verödet ist.

'Stoppt den Krieg, schlagt die Schweine tot!' Lautes Geschrei, aber kraft- und wirkungslos.

So seltsam dieses merkwürdige Sammelsurium an x-beliebig zusammengestellt wirkenden Lebens- und Meinungsfetzen auch klingen mag, als Zuhörer fühlt man sich an der einen oder anderen Stelle immer mal wieder ertappt und gepackt. Verliert wenn auch nur in kurzen Lichtblitzen die Distanz zu den Charakteren und erkennt eigene, ebenso merkwürdige Verhaltens- und Denkweisen. Und genau an diesen Stellen gewinnt dieses großartige Radiostück an unangenehmer Nähe, spricht aus dem Munde der Protagonisten Lebenswirklichkeiten an, die von der eigenen oft gar nicht so weit entfernt sind, oft nur ein bisschen Zellgewebe zwischen nach außen zur Schau gestelltem Verhalten und der innerlich eingesperrten, echten Gedankenwelt. Man fühlt die Verlorenheit der Figuren in dieser wirren kalten Welt am eigenen Leib.

'Und bloß weil ich friere ist noch lang nicht Winter.'

Was aber ergibt nun die Summe dieser seltsamen Gestalten, dieser merkwürdigen Lebenswelten, dieser mal skurrilen, mal gelangweilt alltäglichen Situationen? Zählt man zusammen steht am Ende die erschreckende Null für ein von emotionaler Unfähigkeit, mangelnder Empathie, ziel- und zweckloser Auflehung, lähmender Desorientierung und letztendlich hilfloser, aber dabei auch fauler Untätigkeit geprägtem Menschenbild, das sich in der Belanglosigkeit und Unbedeutsamkeit des Lebens schon längst selbst aufgelöst hat.

Kamerun bleibt nicht im postmodernen sinnentleerten Raum hängen, sondern erhebt sich über ihn und kommentiert mal mit einem zwinkernden Auge denselbigen, um ihn in der nächsten Sekunde in drastischer Konsequenz fast schon dem Wahnsinn nahe wieder festzunageln. Wo andere nur unter dem künstlerischen Deckmantel in der aufgebläht inhaltslosen Wolke der Sinnleere selbstgenügsam in sich kreisen, nimmt dieses Hörspiel unsere verwirrenden Zeiten aufs Korn, zeigt sie in allen Facetten auf eine bunte und direkte Art, kommentiert dabei oft indirekt durch seinen Nichtkommentar. Ein starkes Stück, sowohl was die beständig verwirrende Realitätsnähe, als auch deren technisch furiose, außergewöhnliche Umsetzung betrifft, auf die man sich unbedingt einlassen sollte. Oder um nochmal wörtlich auf den Megaphonisten zurückzukommen...

'Drehen Sie Ihr Radio auf, lassen Sie sich ein!'»


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