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Die Schicksalsmaschine

Originalhörspiel - ein Hörspiel von Claudia Kaiser, BR 2020


Kreativarbeit am Fließband: Ein Team von Autorinnen und Autoren sitzt im Büro-Container und plottet unter Anleitung des Headautors das Handlungsgerüst für einen Wochenblock der Telenovela "Amelie, eine Frau kämpft um die Liebe". Es geht um Herz um Schmerz, himmelhohe Glücksmomente, Drama und Schicksalsschläge im Setting des Weinguts Lindenfels. Die Plot-Sitzung selbst hat wenig Romantisches. Sie wirkt eher wie die neoliberale Travestie eines existentialistischen Dramas: Hier findet kein freies, phantasievolles Erzählen statt. Die Geschichten werden vielmehr in einer Art Sweatshop-Situation entwickelt. Einerseits mechanisch, kühl kalkuliert, unter enormem Zeitdruck und auf eine rein betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung hin ausgerichtet - andererseits die aller persönlichsten Geschichten und Gefühle der beteiligten Autoren kannibalisierend. Denn: im Kreativteam herrscht enormer Konkurrenz- und Zeitdruck. Und so wird beim Erfinden immer neuer Drehs und Wendungen gern auf das Nächstliegende zurückgegriffen, das eigene Leben. Im Handumdrehen wird aus dem eigenen Fleisch Fiktionswurst, aus der Plot-Sitzung eine Psychoanalyse. Und diesmal geht es wirklich um die Wurst, denn der Autoren-Olymp brütet über Folge 100 und muss gleich zwei Enden erfinden. Die Entscheidung des Senders, ob "Amelie" verlängert wird ist nämlich noch nicht gefallen. Sollte mit Folge 100 tatsächlich Schluss sein, muss ein Happy End her, die Hochzeit des Liebespaares. Verlängerung bedeutet das Gegenteil: eine weitere Eskalationsstufe der Handlung. Die Insassen des Kreativcontainers geraten in Bedrängnis.

"Da sitzen sechs BerufstexterInnen in einem Container und zimmern sich und dem Soap-Publikum eine heile Welt. Natürlich haben sie eigene Träume, künstlerische Ansprüche und ein politisches Bewusstsein. Doch auf dem deutschen TV-Markt lassen sich die nur schwer verwirklichen. Produktionstechnische Zwänge und ein Eskapismus-Diktat dominieren das Erzählen. Und so kommt es, dass Geschichten und Gesellschaftsbildern entstehen, die eher an die Fünzigerjahre erinnern. Dass Begriffe wie "Familie" oder "Mutterschaft" enorm fetischisiert werden - die Soap-Handlung aber gleichzeitig ohne Geburten und Kinder auskommen muss - denn das wäre produktionstechnisch schlichtweg zu aufwändig. Dass emanzipierte Autorinnen Geschichten vorschlagen, in denen Frauen nur ein Ziel haben: einen reichen Mann zu finden." (Claudia Kaiser)


Claudia Kaiser, geb. 1965 in München. Studium der Amerikanistik mit Schwerpunkt Film Studies. Arbeitet als Autorin, Drehbuchautorin, Übersetzerin und Musikerin ("Die Moulinettes", "The Sound of Money"). Literarische Veröffentlichungen: "Rocken und Hosen" (dtv, 2003), "Im Reich der Verlorenen Dinge" (Hagebutte Verlag, 2019). War viele Jahre lang als Drehbuchautorin im Bereich Daily Soap und Telenovela tätig. "Die Schicksalsmaschine" ist ihr Hörspiel-Debüt.

Ursendung: 11.01.2020

Als Download / Im Handel verfügbar seit / ab: 09.01.2020

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